ARCHÄOLOGIE


Ein Herz für Horst. Teil 2.

DER STURZBECHER VON GELSENKIRCHEN-HORST (gefunden 1991)

von Detlef Rothe aus Hagen in Westfalen


In der Ausstellung Menschen - Zeiten - Räume. Archäologie in Deutschland:

Ausstellung
- vom 9. Mai bis 24. August 2003 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH - Museumsmeile zu Bonn -

wurde als eines der Highlights ein renaissancezeitlicher Sturzbecher gezeigt, welchen der Verfasser dieser Zeilen im Sommer 1991 auf der Bermenoberfläche vor der SW-Seite des Westturmes des Schlosses Horst (Gelsenkirchen) bergen konnte.
Verfasser nahe der Fundstelle (Bereich mit Sand geschützt)
(Das Bild zeigt den Verfasser an der Innenseite des Turmes; das Gefäß fand sich an der Profilwand im Hintergrund, welche hier noch durch gelblichen Sand geschützt ist.) Es handelt sich um ein sehr interessantes Fundstück, welches jetzt noch einmal im KnasterKOPF Band 16/2003
KnasterKOPF Band 16/2003

besprochen wurde (hier unter Mitteilungen und Fragen der Beitrag von Herrn Dr. Martin Kügler). Seinerzeit war die Projektleitung gerade von Herrn Dr. Ralph Röber an Herrn Dr. Hans-Werner Peine übergegangen, und in meinem ,Abschiedsschreiben' vom 5. September 1991 berichtete ich Ralph: „Der Westturm ist, was die Mauern angeht, komplett freigelegt. Weltbewegendes wurde nicht entdeckt, allerdings ein sehr schöner Siegburger Sturzbecher (Mann in span. Tracht)."
Haben wir nicht tatsächlich etwas ,Weltbewegendes' ans Licht gebracht? Offenbar gerieten wir mit der Freilegung mitten in gewisse Probleme der ,Kultur im spanischen Zeitalter' (wie es im 'dtv-Atlas zur Weltgeschichte' heißt), nämlich in die Zeit nach dem ,Abfall der Niederlande' (1581), wo auch Horst, der heutige Vorort von Gelsenkirchen, ins Kampfgebiet spanischer und gegnerischer Truppen geriet! Der heutige ,Kampf' geht freilich mehr um die Bedeutung des Horster Sturzbechers selbst, welcher nämlich nach einer vor Jahren (seitens des neuen Projektleiters) aufgestellten These einen der frühesten Belege für das Pfeiferauchen im kontinentalen Europa darstellt. Dem möchte ich, wie schon in einem Schreiben an Dr. Kügler, an dieser Stelle - und damit für alle Interessierten nachlesbar - nachdrücklich widersprechen, denn Reste einer Tonpfeife wurden meiner Ansicht nach (und für alle Ausstellungsbesucher nachvollziehbar) am Objekt selbst nicht vorgefunden und sind angesichts der anzunehmenden Datierung des Fundobjekts eigentlich auch nicht zu erwarten (vgl. den Kügler-Artikel).
Ich könnte mir sehr gut vorstellen, daß das Scherzgefäß - vielleicht wegen der als katholisch geltenden spanischen Tracht des Abgebildeten - in den Wirren des niederländischen Freiheitskampfes (Unabhängigkeitserklärung 1581; spanische Truppen waren zu einem noch nicht genauer bekannten Zeitpunkt um 1600 auch in Horst, wie man auf Grund eines Hexenprozesses weiß) aus dem Fenster gestürzt worden ist. Auf Grund der Fundlage (mit der Vorderseite auf der Berme flach parallel zur Turmwand gelegen) und wegen der wohl Fenstersturz-bedingten Beschädigung kann man diesen Zusammenhang aber bloß vermuten, zumal die Fundsituation selbst auch keine nähere Datierung zuläßt (außer nach dem Beginn des Turmbaus, das heißt: nicht vor 1556).
Auffällig und zugleich ärgerlich ist leider gerade die Beschädigung, welche vom Barett über das Gesicht (mit entferntem, aber noch erkennbarem Doppelspitzbart wie beim Schloßherrn Rütger von der Horst, welcher als wichtigstes Indiz für die Zuweisung gilt) bis zu dem eiförmig anmutenden Rest eines Gegenstandes in der rechten Hand reicht. Die darüber liegende Bruchspur auf der Brust erinnert an ein trichterhalsförmiges Gefäß - wie es der fußlose Henkelbecher aus Siegburger Steinzeug ja selbst darstellt -, doch mag das eher täuschen, weil bei der Umrißform der Druck beim Angarnieren während der Herstellung berücksichtigt werden muß. Auffällig erscheint mir auch der Gesichtsausdruck des Abgebildeten, denn er läßt trotz der Schäden eine gewisse Anstrengung bzw. Konzentration wahrnehmen. Wenn ich die spindeldünnen Beine (Unterschenkel und Füße) in Betracht ziehe, würde ich gerne einen ähnlichen, langgezogenen Gegenstand zwischen rechter Hand und Mund erwarten. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß der Archäologe Marcell Perse (siehe Literatur-Hinweis) anläßlich des Parallel-Fundes von Rheydt (bei Mönchengladbach) auf die Sitte des ,Stiefel-Trinkens' hingewiesen hat; der Sturzbecher muß geleert sein, bevor man ihn abstellen (oder ablegen) kann!
Hier ein kleiner Rekonstruktionsversuch mit Gefäß in Stiefel-Form (schwarz):
Sturzbecher-Rekonstruktion

Ich schätze, daß der Sturzbecher als Ausstattungsobjekt und damit als kleines, aber feines Detail - wie das Schloß im Ganzen - eine gewisse politisch-gesellschaftliche Rolle spielte. Gab es hier in Horst (im örtlichen Wechsel - zum Beispiel mit Rheydt) einmal eine Art Bierkollegium zu aktuellen Fragen?
Ob es sich bei dem Abgebildeten um Rütger von der Horst handelt, ist ohne gezielte Untersuchungen noch fraglich. Ich könnte mir aber sehr wohl vorstellen, daß diese Person sich in der Figur wieder erkannt hätte. Da es sich um ein Scherzgefäß handelt, mag es den Schloßherrn selbst gerade auf Grund der Darstellung angesprochen haben, wenn es sich nicht sogar um eine von ihm oder Freunden bestellte Auftragsarbeit handelt.
Die Datierung des Horster Sturzbechers betreffend möchte ich noch darauf hinweisen, daß das Schloß im 17. Jahrhundert (eigentlich schon nach dem Tod des Schloßherrn 1582) rasch an Bedeutung verlor, ja geradezu von Rütger geprägt wurde. Zwar gab es im 1990er Jahrzehnt zahlreiche Funde aus dem 17. Jahrhundert, doch eher von geringerer Qualität. Der 30jährige Krieg bildete dann wohl eine weitere Episode in der traurigen Entwicklung hin zum weitgehenden Vergessen und Verfallen des Palastes (vor dem Wachküssen und Wiedererwachen aus dem Dornröschenschlaf im 20. Jahrhundert). Ich glaube, an einer Datierung in die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts festhalten, ja diese auf die Zeit vor Rütgers Tod im März 1582 begrenzen zu dürfen, denn das Schloß Horst war bereits im 1590er Jahrzehnt nicht mehr herrschaftlich bewohnt; die Gründe dafür könnten vielleicht noch stärker beleuchtet werden (vgl. den Literatur-Hinweis zu Klaus Gonska).
Es besteht übrigens noch ein kleiner Hoffnungsschimmer, Abplatzer des Gefäßes auf der Bermenoberfläche oder auf dem Gräftengrund zu finden, allerdings ist mit erheblichen ,Störungen' durch jüngere Eingriffe zu rechnen (durch Bauarbeiten und andere Grabungen). Auch mit Kaisermedaillon-Resten und sonstigen Raritäten dürfen wir noch rechnen. Nähere archäologische Untersuchungen lohnen sich aber nur bei erheblich mehr Aufwand als er im 1990er Jahrzehnt betrieben wurde (kein Schlämmen von Fundschichten usw.)!
Diese Geschichte bleibt jedenfalls spannend.



Literaturhinweise:

- Klaus Gonska, Dat Hueß zor Horst. Die Adelsfamilie von der Horst im Emscherbruch und ihre Erben im 16. und 17. Jahrhundert (Materialien zur Kunst- und Kulturgeschichte in Nord- und Westdeutschland 10), Marburg 1994 (ISBN 3-89445-166-1).

- Elmar Alshut, Guido v. Büren u. Marcell Perse (Hg.), Ein Schloß entsteht... Von Jülich im Rheinland bis Horst in Westfalen. Handbuch zur Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum Jülich 24.10.1996 - 2.3.1997 (Führer des Stadtgeschichtlichen Museums Jülich 9 - Jülicher Forschungen 5), Jülich 1997 (ISBN 3-930808-06-4).

- Sir Mortimer Wheeler, Moderne Archäologie. Methoden und Technik der Ausgrabung, Reinbeck bei Hamburg 1960.




Zu meiner Stellungnahme zum Horster Sturzbecher erschien unter „MITTEILUNGEN UND FRAGEN" im
KnasterKOPF Band 17/2004
KnasterKOPF Band 17/2004 auf Seite 131 von Martin Kügler ein Artikel mit dem Titel „Bemerkungen zu dem Horster Sturzbecher, in welchem das Wesentliche noch einmal zusammengefaßt ist und auch des Herrn Dr. Peine in einer Fußnote seitens der Redaktion gedacht wird: „Dem Vertreter der Interpretation des dargestellten Mannes als Pfeifenraucher [...] wurde diese Erwiederung [sic!] zur Kenntnis gebracht, es erfolgte jedoch leider keine Antwort [...]."




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20101121 15:40