REGIONALES: Wehringhausen

Die Bismarckstraße in Hagen-Wehringhausen. Ein Gang durch Zeiten von der Stern- zur Bachstraße.

von Detlef Rothe aus Hagen in Westfalen (Author: Detlef Rothe)


+++ Zur Erinnerung an die Brandschatzung Wehringhausens vor 75 Jahren (2. Dezember 1944)! +++




Die Bismarckstraße ist eine verhältnismäßig kurze Wohnstraße mit kleineren Gewerbebetrieben, welche die Gegend der Schwenke mit dem Bachlauf der Pelmke im Zuge der Bachstraße verbindet. Sie begrenzt darüber hinaus den Wilhelmsplatz gen Norden.
Da der Verkehrsweg im Vergleich zur Augustastraße und Lange Straße - zwischen denen erliegt - deutlich kürzer ist, fällt die Bismarckstraße in ihrer Bedeutung für das Buscheyviertel (den östlichen Teil Wehringhausens) zurück. Durch die Anbindung an den Wilhelmsplatz wird dies allerdings etwas ausgeglichen.

Mag Wehringhausen links und rechts der Bahnstrecken heutzutage durch seine gründerzeitlichen Etagenhäuser geprägt sein, so sollte nichtsdestotrotz - meiner Ansicht nach - keineswegs vergessen werden, daß auch dort im Zweiten Weltkrieg der sogenannte Luftkrieg tobte. Ich bin Herrn Gerd Rengel dankbar, daß er in seinem Buch „Schmetterlinge und Feuerstürme", welches im November 2011 erschien (Rengel 2011), an diese schreckliche Zeit erinnert; er erlebte die Jahre 1943 und 1944 als etwa neun- bis zehnjähriger Schuljunge. Die Erinnerung an bestimmte Vorkommnisse prägten sich offenbar tief ein - in Worte gefaßt hat er sie allerdings erst nach Jahrzehnten, so daß sich Fehler kaum vermeiden ließen. Mangels zeitgenössischer Berichte und wegen der Eindringlichkeit seiner „Erzählung" (so der Untertitel) zitiere ich gelegentlich daraus und warne vorsorglich vor einer möglichen Schockwirkung auf Grund der geschilderten Menschenschicksale. Im Oktober 1944 kehrte Gerd Rengel mit seiner Mutter von einer zweiten ,Kinderlandverschickung' zurück: „Wir entfernen uns rasch vom Bahnhof, weil zu befürchten ist, dass plötzlich Anglo-Amerikanische Langflugjäger (sog. Jab[o]s) aus den Wolken stürzen und die Menschen an den Zügen aus Bordkanonen und Maschinengewehren beschießen. [...] Ich sehe erstmals auf dem Bahnhofsvorplatz die von Luftangriffen gebeutelte Innenstadt [...]." (S. 164) - „Das Umfeld ist zwar [-] so weit das Auge reicht [-] in eine Steinwüste verwandelt, aber die Häuser in der Straße an der Bahnstrecke Köln - Hannover [= in der Augustastraße (D.R.)] sind fast alle unversehrt. Dort steht auch das Haus, in dem ich wohne. / Abgesehen von sichtbar neu gedeckten Häusern [-] mit Wellblechen auf den Dächern [-] und [von] den mit lichtdurchlässigen roten Kautschukplatten zugenagelten Fenstern im Treppenhaus und [von] manchen [beschädigten] Wohnungen machen die Häuser an der Bahnstrecke gleichwohl einen verhältnismäßig guten und wohnlichen Eindruck." (S. 166) - Dezember 1944: „[Am] Anfang der kalten Winterzeit 1944 erlebe ich einen schrecklichen Großangriff [...] und Feuerstürme. / An diesem Abend genieße ich ein schönes warmes Bad. Aus dem Volksempfänger ist zu hören, dass sich britische Bomber im Anflug auf die Stadt befinden. Draußen wird es bereits ohrenbetäubend laut. Ich stürze ans Fenster, aufrecht stehend im warmen Wasser der Badewanne. Kaskaden zerplatzender roter Leuchtkugeln (sog. Christbäume) am Nachthimmel bilden ein imposantes Feuerwerk. / [...] Erst jetzt [-] nach dem Knallen und Knattern der Kugeln [-] verkünden röhrend und heulend die Sirenen - zu spät - weit und breit Vollalarm." (S. 173) - „Laut Nachrichtensprecher im Radio befinden sich Hunderte der feindlichen Bomber im Luftraum. [...] / Die ersten Bomben fallen auf die Stadt. Das Krachen durch die Flakgeschütze geht im grimmigen Gedröhne, furchterregendem Heulen, Pfeifen und gewaltigen Explosionen unter. [...] Weiße Fallschirme mit Flugzeugbesatzungen der abgeschossenen feindlichen Bomber schweben vom Himmel und fallen in die schwer verwundete Stadt. / Die Scheinwerferkegel der Flak am Himmel werden immer weniger, weil die eine oder andere Stellung im gezielten Bombenhagel untergeht." (S. 174) - Anmerkung von D.R.: Die angenommene Anwesenheit von Fluganwehrkanonen beruht - nach anderen Quellen zu urteilen - wohl auf einem Irrtum. - „Erst jetzt habe ich die Badewanne verlassen, obwohl ich flink bin. Tropfnass am Körper ziehe ich hastig meine Kleidung an und eile auf nassen, nackten Füssen [...]. Ich [...] gleite vom dritten Stockwerk zu meinem Ziel im Luftschutzkeller." (S. 175) - „Die Luftschutzwartin öffnet nach der Entwarnung durch Sirenen die Tür. Nun zeigt sich eine gewaltige Feuerspur im Haus und im Stadtviertel. [...] / [...] Die Luftschutzwartin läuft mit einer Gruppe männlicher Hausbewohner durch die Wohnungen. Die Gruppe stellt mit großer Bestürzung fest, dass das Dachgeschoss in ganzer Breite brennt." (S. 178) - „In der Nachbarschaft, am Wilhelmsplatz, befindet sich ein künstlicher Feuerlöschteich in einem tiefen Betonbecken, das so groß ist wie ein Fußballfeld. Daran erinnern sich plötzlich die Hausbewohner [...]. Sie nehmen ihre Eimer in die Hände und bilden eine Menschenkette, wenn auch mit sehr großen Lücken. [...] / Die Löschaktion gerät unvermittelt ins Stocken, als ein brennender Mann [...] in den Feuerlöschteich stürzt. Er wird von Rettern, auch aus der Löschkette, zwar schwer verbrannt, aber lebend herausgezogen, während das Zuhause der Helfer brennt. / Um den Wilhelmsplatz herum brennen die nahtlos bebauten [= gebauten] Häuser lichterloh. Aus den Dächern und allen Fenstern und Türen schlagen große Flammen. Nur Wenige schaffen es lebend[,] aus dem Haus zu rennen. Kein Haus [...] bleibt verschont." (S. 180) - „Fast jeder Häuserblock ist in ein gewaltiges Feuer getaucht. An diesen Stellen treiben riesig hohe Feuerstürme die Flammen, Funken und Rauchsäulen himmelan wie in Kaminen, in denen die Flammen nach oben abgesaugt werden. / [...] / Vorsicht! Eine hervorstechende Eigenschaft eines Feuersturms, nämlich eine plötzliche Richtungsänderung, kann unauswichlich [...] den Tod bringen." (S. 181) - „Es zeigt sich, dass es erforderlich ist, beim Löschen einen Feuer-Beobachter einzusetzen [...]." (S. 182) - „In einem zugeschütteten Keller eines großen zerbombten Eckhauses in der Nähe des Löschteichs [an der Ecke Bismarck-/Kottmannstraße (D.R.)] rufen verschüttete Menschen um Hilfe [...]. Für sie ist keine Hilfe möglich. Sie [= „die Helfer" (S. 183)] werden von Feuerstürmen bedroht. Die Stimmen der Menschen in der Tiefe werden leiser. Die Rufe werden allmählich weniger und hören auf. / [...] Auch die zur Rettung bereiten Menschen sind still, ganz still. Sie stehen mit Entsetzen vor den dicken und heißen Ruinenmauern. Einige weinen schmerzlich. Sie gehen mit gesenkten Köpfen und bleischweren Beinen fort in die sterbende Stadt, bis ich noch ganz alleine dort wie erstarrt stehe. Ich begreife erst viel später, welch` furchtbare Tragödie sich abgespielt hat. / [...] Die Menschen sind im verschütteten Keller am lebendigen Leibe [...] verkocht. Sie sind am anderen Tag, nach Abkühlung der Ruine[,] als rosige kleine Leichen geborgen worden." (S. 183)

Nach erfolgter Verwüstung zeigt ein an der Kreuzung Sternstraße aufgenommenes Foto im Hintergrund die Kreuzung der Bismarckstraße mit der Mauerstraße:


Zur besseren Orientierung ein eigenes Vergleichsfoto von 2019:


Von Haus 28 zwei Blicke über den Wulhelmsplatz zur Lange Straße aus der Nachkriegszeit (um 1950):





Numerisches


18

Die Sumpfblüte (Bismarckstraße 18) habe ich nur einmal - zu Beginn des 1980er Jahrzehnts - besucht und fand keinen Grund, wiederzukommen. Gegenüber befand sich ein besetztes Haus (wohl das einzige in Hagen), und von dort aus (genauer: aus dem 2. Stock) hat mir 'mal ein früherer Klassenkamerad auf den Kopf gespuckt. "Kai Havaii" von der Poprockband Extrabreit gibt zu dieser Lokalität mit "Szenerie" eine kurze Beschreibung, da in diese Etage die eigentliche "Homebase" der Band verlegt wurde, und zwar etwa zu der Zeit, als das Lied ,Polizisten' entstand (Havaii 2017, S. 116 f.).

Zu Anfang des dritten nachchristlichen Jahrtausends befand sich im Erdgeschoß des sagenumwobenen Hauses Bismarckstraße 18 noch eine "Szene-Kneipe" Louvre (Quelle: Helga Fischer, Jenseits vom ,Fürstentum Rehsiepen'. In: Evang.-Luth. Paulus-Kirchengemeinde Hagen (Hg.): Spurensuche [Obertitel: Erzählte Geschichten vom ,Blauen Montag'], Bd. 3, Hagen 2005, S. 83 - 86, hier: S. 83). Diese habe ich - erst im Oktober 2004 nach Hagen zurückgekehrt - nicht mehr kennengelernt.

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Die Bismarckstraße 18 in heutigen Tagen (Foto: Detlef Rothe - 26.3.2019)

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Vor der Sumpfblüte am Wilhelmsplatz - Ausschnitt eines Pressefotos Quelle: funkemediennrw.de. Das Bild entstand anscheinend
bei der Räumung des besetzten Hauses, als der Drummer Gerhard Sperling von Extrabreit über das Dach kletterte (Havaii 2017, S. 174 f.).



20


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Anzeige in Pfarrgemeinde 1952 (unpaginiert)



28


Bei Rainer am Wilhelmsplatz (Bismarckstraße 28) war eine von Künstlern und "Alternativen" frequentierte "Musikkneipe" an der Ecke Kottmann-/Bismarckstraße. Das Lokal ist im Adreßbuch 1976 noch nicht erwähnt, wurde aber noch im selben Jahr eröffnet, wie eine von Kay Oliver Schlasse gestaltete Anzeige in der Null-Nummer des ,Hagener Volksblatts' vom November 1976 zeigt (Wahnbaeck 2018, S. 176, Foto oben). Den gastlichen Ort hat vor allem Kay Schlasse rückblickend dargestellt, allerdings aus einer sehr eigenen Sichtweise (siehe etwa Havaii 2017, S. 61 f.). Ich habe die Gaststätte kaum besucht, weil ich "es dort nicht aushielt" (siehe unten). Die Bierpreise waren hier immerhin sehr "zivil", und dieses Lokal war schon deshalb bei eher "klammen" Künstlern und Studenten beliebt. Extrabreit hat Bei Rainer am Wilhelmsplatz einmal einen eigenen Song gewidmet, welcher gerne auf Kassette abgespielt wurde. Das gute Stück gilt als verschollen! Nachfolgerin der Pinte - mit dem selben Wirt - war am Anfang des 1980er Jahrzehnts die Sumpfblüte. Der Umzug zur Bismarckstraße 18 mit Neueröffnung der Gaststätte als Sumpfblüte fand offenbar im Winter 1980/81 statt, bzw. kurz bevor die Band Extrabreit das Lied ,Polizisten' schuf (Havaii 2017, S. 117, oben) - Polizei(un)wesen und Blüte des Sumpfes sind hier sicherlich in Relation zueinander zu beschau'n.

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Die Ecke Kottmann-/Bismarckstraße am Wilhelmsplatz heutzutage (Foto: Detlef Rothe - 31.01.2019)

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Vergleichsbild zum Plakat des Stadtteilfestes vor 40 Jahren: das Haus Bismarckstraße 28 (Foto: Detlef Rothe - 23.03.2019)



42 - 44


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Anzeige in Pfarrgemeinde 1952 (unpaginiert)

Hier habe ich um 1970 meine ersten "Taler" verdient. Dies blieb aber bloß eine Episode, da da ich für das mühsam - ohne Handwagen! - angeschleppte Altpapier in Form von gebrauchten Zeitungen und -schriften nach meinem Empfinden zu wenig Geld bekam. Wenige Jahre später trug ich dann für den Heinrich-Bauer-Verlag Zeitschriften aus; das war lukrativer - zumal es da Trinkgeld gab.



LITERATUR UND SONSTIGE SCHRIFTQUELLEN


Pfarrgemeinde 1952: Pfarrgemeinde St. Michael (Hg.): Festschrift - 50 Jahre Pfarrgemeinde St. Michael Hagen, Hagen 1952 (Juli).

Adreßbuch 1976: Verlag Carl Hinnerwisch (Hg.): Adreßbuch der Stadt Hagen 1976. 47. Auflage, Hagen o.J. (ohne ISBN-Nr.)

EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/JuergenZarnke_Wehringhausen_Bilder_und_Dokumente_201011xx
Zarnke 2010: Jürgen Zarnke: WEHRINGHAUSEN. BILDER und DOKUMENTE [so auf dem Deckblatt], Hagen 2010 (November), herausgegeben im Selbstverlag.

Rengel 2011: Gerd Rengel: Schmetterlinge und Feuerstürme. Erzählung, Friedberg 2011 (November) .(ISBN 978-3-86937-236-5)

Havaii 2017: Kai Havaii (= Kay Oliver Schlasse): HART WIE MARMELADE. Erinnerungen eines Wahnsinnigen, Lizenzausgabe der Originalausgabe von 2007, Essen 2017 (ISBN 978-3-8375-1865-8)

Wahnbaeck 2018: Heike Wahnbaeck (Hg.): Komm nach Hagen, werde Popstar, mach Dein Glück! ... sich trau'n, mal außer der Reihe die Zukunft zu bau'n. Ausstellung im Osthaus Museum Hagen 31. August bis 23. September 2018, 1. Aufl. Essen 2018 (Juli) (ISBN 976-3-8375-2011-8)



DANKSAGUNG


DEN ENGAGIERTEN MITARBEITERN DES STADTARCHIVS HAGEN DANKE ICH FÜR DIE BEREITSTELLUNG SELTENER FOTOS BEI FACEBOOK, WELCHE AUCH MEINE ARBEIT IN VIELEM FÖRDERN!

Hinweis: Für die Aktualität, Funktionalität und Korrektheit der angegebenen Links erfolgt keine Gewähr!



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06.12.2019 23:08