REGIONALES: Wehringhausen

Die Augustastraße in Hagen-Wehringhausen. Von der Berg- zur Minervastraße.

von Detlef Rothe aus Hagen in Westfalen (Author: Detlef Rothe)




Die Augustastraße ist eine lange Wohnstraße mit kleineren (früher auch größeren!) Gewerbebetrieben, welche Verbindung vom Bahnhofsviertel zur S-Bahnstation Wehringhausen und zum Goldbergtunnel im Winkel zwischen Minervastraße, Rehstraße und Wehringhauser Straße unterhält.

An der Kreuzung mit der Wilhelmstraße (heute Teil des Bergischen Rings) befand sich um 1900 eine Uhrenfabrik. Die Brücke im Bild führt die Augustastraße über die Volmet(h)albahn (welche dann anno 1910 in den Goldbergtunnel verlegt wurde):
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(Briefkopf-Lithographie aus dem Jahr 1904)

Die Verhältnisse im östlichen Abschnitt der Augustastraße nach dem Zweiten Weltkrieg veranschaulicht ein an der Kreuzung Sternstraße aufgenommenes Foto - im Hintergrund ist die Kreuzung der Bismarckstraße mit der Mauerstraße zu sehen:


Dazu ein eigenes Vergleichsfoto von 2019:


Mag Wehringhausen links und rechts der Bahnstrecken heutzutage durch seine gründerzeitlichen Etagenhäuser geprägt sein, so sollte nichtdestotrotz - meiner Ansicht nach - keineswegs vergessen werden, daß auch dort im Zweiten Weltkrieg der sogenannte Luftkrieg tobte. Ich bin daher Herrn Gerd Rengel dankbar, daß er in seinem Buch „Schmetterlinge und Feuerstürme", welches im November 2011 erschien (Rengel 2011), an diese schreckliche Zeit erinnert, welcher er Ende 1944 als zehnjähriger Schuljunge erlebte. Die Erinnerung an bestimmte Vorkommnisse prägten sich offenbar tief ein - in Worte gefaßt hat der Erzähler sie allerdings erst nach Jahrzehnten. Fehler sind daher in der Darstellung kaum zu vermeiden. Mangels zeitgenössischer Berichte und wegen der Eindringlichkeit seiner „Erzählung" (so der Untertitel) zitiere ich daraus und warne vorsorglich vor möglichen Schockwirkungen. Im Oktober 1944 kehrte Gerd Rengel mit seiner Mutter von einer ,Kinderlandverschickung' zurück: „Wir entfernen uns rasch vom Bahnhof, weil zu befürchten ist, dass plötzlich Anglo-Amerikanische Langflugjäger (sog. Jab[o]s) aus den Wolken stürzen und die Menschen an den Zügen aus Bordkanonen und Maschinengewehren beschießen. [...] Ich sehe erstmals auf dem Bahnhofsvorplatz die von Luftangriffen gebeutelte Innenstadt [...]." (S. 164) - „Das Umfeld ist zwar [-] so weit das Auge reicht [-] in eine Steinwüste verwandelt, aber die Häuser in der Straße an der Bahnstrecke Köln - Hannover [= in der Augustastraße (D.R.)] sind fast alle unversehrt. Dort steht auch das Haus, in dem ich wohne. / Abgesehen von sichtbar neu gedeckten Häusern [-] mit Wellblechen auf den Dächern [-] und [von] den mit lichtdurchlässigen roten Kautschukplatten zugenagelten Fenstern im Treppenhaus und [von] manchen Wohnungen machen die Häuser an der Bahnstrecke gleichwohl einen verhältnismäßig guten und wohnlichen Eindruck." (S. 166) - „[Am] Anfang der kalten Winterzeit 1944 [am 2.12.1944 (D.R.)] erlebe ich einen schrecklichen Großangriff [...] und Feuerstürme. / An diesem [Samstag-]Abend genieße ich ein schönes warmes Bad. Aus dem Volksempfänger ist zu hören, dass sich britische Bomber im Anflug auf die Stadt befinden. Draußen wird es bereits ohrenbetäubend laut. Ich stürze ans Fenster, aufrecht stehend im warmen Wasser der Badewanne. Kaskaden zerplatzender roter Leuchtkugeln (sog. Christbäume) am Nachthimmel bilden ein imposantes Feuerwerk. / [...] Erst jetzt [-] nach dem Knallen und Knattern der Kugeln [-] verkünden röhrend und heulend die Sirenen - zu spät - weit und breit Vollalarm." (S. 173) - „Laut Nachrichtensprecher im Radio befinden sich Hunderte der feindlichen Bomber im Luftraum. [...] / Die ersten Bomben fallen auf die Stadt. Das Krachen durch die Flakgeschütze geht im grimmigen Gedröhne, furchterregendem Heulen, Pfeifen und gewaltigen Explosionen unter. [...] Weiße Fallschirme mit Flugzeugbesatzungen der abgeschossenen feindlichen Bomber schweben vom Himmel und fallen in die schwer verwundete Stadt. / Die Scheinwerferkegel der Flak am Himmel werden imer weniger, weil die eine oder andere Stellung im gezielten Bombenhagel untergeht." (S. 174) - Anmerkung von D.R.: Die angenommene Anwesenheit von Fluganwehrkanonen beruht - nach anderen Quellen zu urteilen - auf einem Irrtum, denn die schweren Kanonen waren zu Gunsten von Nachtfliegerabwehr abgezogen worden; nur kleinere Kanonen zur Abwehr von Tieffliegern verblieben; dieser taktische Fehler wurde erst nach dem hier behandelten alliierten Großangriff mittels Eisenbahnflak korrigiert. - „Erst jetzt habe ich die Badewanne verlassen, obwohl ich flink bin. Tropfnass am Körper ziehe ich hastig meine Kleidung an und eile auf nassen, nackten Füssen [...]. Ich [...] gleite vo dritten Stockwerk zu meinem Ziel im Luftschutzkeller." (S. 175) - „In dieser ,Gruft' erleben die Menschen, wie hilflos und klein sie doch sind; auch großmäulige Parteigenossen in | Uniform können sich von diesem Gefühl nicht frei machen. [...] Man sieht die Angst in den Gesichtern der Menschen [davor], im Luftschutzkeller verschüttet zu sein, zu ersticken, zu ertrinken im heißen Wasser durch die platzenden Wasserrohre oder zu verbrennen." (S. 176 f) - „Die Luftschutzwartin öffnet nach der Entwarnung durch Sirenen die Tür. Nun zeigt sich eine gewaltige Feuerspur im Haus und im Stadtviertel. [...] Die Menschen befnden sich in der Hölle auf Erden. [...] / Das mehrstöckige Wohnhaus ist ,Gott sei Dank, stehengeblieben'! Die Kautschuk-Fenster sind [...] geschmolzen. Alle Fenster stehen offen. / [...] Die Luftschutzwartin läuft mit einer Gruppe männlicher Hausbewohner durch die Wohnungen. Die Gruppe stellt mit großer Bestürzung fest, dass das Dachgeschoss in ganzer Breite brennt." (S. 178) - „In der Nachbarschaft, am Wilhelmsplatz, befindet sich ein künstlicher Feuerlöschteich in einem tiefen Betonbecken, das so groß ist wie ein Fußballfeld. Daran erinnern sich plötzlich die Hausbewohner [...]. Sie nehmen ihre Eimer in die Hände und bilden eine Menschenkette, wenn auch mit sehr großen Lücken." (S. 180) - „Jeder leere Eimer hin und volle Eimer zurück ist zeitaufwendig auf dem Weg zum nächsten Posten in der Menschenkette zu tragen." (S. 181) - „,Gott sei Lob': Das Feuer im eigenen Wohnhaus hat keinen Personenschaden angerichtet." (S. 187)

Entlang des Wehringhausener Baches (also der Pelmke) entwickelte sich die Pelmkestraße im 20. Jahrhundert stärker als die Bachstraße, welche ja zunächst auf den Wasserlauf Rücksicht zu nehmen hatte. Sie beginnt unten an der Augustastraße, da ein weiterer Verlauf durch die Bergisch-Märkische Eisenbahnstrecke versperrt wäre:
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Die Eisenbahnstrecken an der Augustastraße (Foto: Detlef Rothe - 19. Januar 2019)

Die Augustastraße steht im Zeichen des Eisenbahnfernverkehrs. Der Intercity Express auf dem Weg nach Wuppertal und Köln symbolisiert hier gewissermaßen die Anbindung der Straße an die "große Welt", wie die Namen ,Kölner Straße' und ,Berliner Straße' im Zuge der nahen Bundesstraße 7 etwas tiefer im Tal.

Auch die Pelmke (der von Ortsunkundigen sogenannte "Wehringhauser Bach") erinnert durch seine Anbindung an Ennepe, Volme, Ruhr und Rhein an größere geographische Zusammenhänge:
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Einmündung der Pelmke- in die Augustastraße (Foto: Detlef Rothe - 19. Januar 2019)

Wir nähern uns - und dabei geht es wieder etwas abwärts - der Minervastraße:
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(Foto: Detlef Rothe - 28. Mai 2005)

Dem Stadtarchiv sei´s gedankt: ein Blick kurz vor dem Erreichen der Minervastra0e nach links in Richtung Schulen (bergaufwärts), allerdings von einem Standpunkt nahe der Eisenbahnbrücke aus:

Bei der Bestimmung der Situation hilft Google Maps.

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Die Kreuzung von Augusta- und Minervastraße von Nordosten (mit der Bahnüberführung rechts) - (Foto: Detlef Rothe - 28. Mai 2005)

Weiter geht es hinter der Kreuzung:
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(Foto: Detlef Rothe - 28. Mai 2005)

Entlang des Bahndamms der Bergisch-Märkischen Strecke führt die Augustastraße südwestwärts in Richtung Goldbergtunnel und endet dort in der Enge zwischen Gewerbebauten und Bahndamm gewissermaßen im Grünen. (Mai 2005)

Nun geht's zurück in Richtung Innenstadt!

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Die Kreuzung von Augusta- und Minervastraße von Süden (Minervastraße- mit der Überführung der Hauptbahnstrecke über die Minervastraße links) - (Foto: Detlef Rothe - 28. Mai 2005)

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Nordostwärts führt die Augustastraße von der Kreuzung aus in Richtung Innenstadt (Foto: Detlef Rothe - 28. Mai 2005)

Ein Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg: "rush hour" auf der Augustastraße, dokumentiert etwa 1955 auf Höhe der Einmündung der Mauerstraße mit Blick in Richtung Kreuzung Sternstraße:




Numerisches



26


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38


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69


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71


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LINKS


Neues Altes aus Hagen-Wehringhausen. (7. Februar 2009)



LITERATUR UND SONSTIGE SCHRIFTQUELLEN


Pfarrgemeinde 1952: Pfarrgemeinde St. Michael (Hg.): Festschrift - 50 Jahre Pfarrgemeinde St. Michael Hagen, Hagen 1952 (Juli).

Grün et al. 2005: Maria Grün, Gisela Middelmann u. Lissi Deutschmann: Erinnerungen an den Goldbergtunnel. In: Evang.-Luth.-Pauluskirchgemeinde Hagen (Hg.): Erzählte Geschichte vom „Blauen Montag". Spurensuche, Bd. 3, Hagen, 1. Aufl. 2005, S. 60 - 65

Korte 2007: Helmut Korte: Hagener Stadtteile stellen sich vor. Der Goldbergtunnel. In: Seniorenbüro der Stadt Hagen, Rathaus II, Berliner Platz 22, 58095 Hagen (Hg.), Junges altes Hagen, Heft Nr. 7 - 1/2007, Hagen 2007 (April), S. 14 - 14

EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/JuergenZarnke_Wehringhausen_Bilder_und_Dokumente_201011xx
Zarnke 2010: Jürgen Zarnke: WEHRINGHAUSEN. BILDER und DOKUMENTE [so auf dem Deckblatt], Hagen 2010 (November), herausgegeben im Selbstverlag.

Rengel 2011: Gerd Rengel: Schmetterlinge und Feuerstürme. Erzählung, Friedberg 2011 (November). (ISBN 978-3-86937-236-5)

Wahnbaeck 2018: Heike Wahnbaeck (Hg.): Komm nach Hagen, werde Popstar, mach Dein Glück! ... sich trau'n, mal außer der Reihe die Zukunft zu bau'n. Ausstellung im Osthaus Museum Hagen 31. August bis 23. September 2018, 1. Aufl. Essen 2018 (Juli). (ISBN 976-3-8375-2011-8)



DANKSAGUNG


DEN ENGAGIERTEN MITARBEITERN DES STADTARCHIVS HAGEN DANKE ICH FÜR DIE BEREITSTELLUNG SELTENER FOTOS BEI FACEBOOK, WELCHE AUCH MEINE ARBEIT IN VIELEM FÖRDERN!

Hinweis: Für die Aktualität, Funktionalität und Korrektheit der angegebenen Links erfolgt keine Gewähr!



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