REGIONALES: Hagen: Wehringhausen

Neues Altes aus Hagen-Wehringhausen

von Detlef Rothe aus Hagen in Westfalen (Author: Detlef Rothe)





Hin und wieder erreichen den Verfasser Anfragen aus der örtlichen Bevölkerung zur früheren Ein- und Bewohnerschaft Wehringhausens, welche gerne - zumal hier - beantwortet werden. Dabei sollen weitere Interessenten darauf aufmerksam gemacht und zu eigenen Stellungnahmen angeregt werden. Leider verfügt der Verfasser nicht über den Vorrat an Erinnerungen und Wissen väterlicher Heimatfreunde wie die Herren Johann Janßen (1.11.1900 - 13.12.1990, Bachstraße 66) und Helmut Wilhelm Hermanni (11.6.1914 - 4.3.1997, Pelmkestraße 65), und auch wegen zunehmender beruflicher Beanspruchung, gesundheitlicher Risiken und einer - politisch bedingt - sich verschlechternden Finanzausstattung beschränken sich die Möglichkeiten eigener Recherchen zunehmend. Der natürliche Rückgang und wohl auch resignierende Rückzug der "Eingeborenen" bereitet zunehmend Sorge, und um so mehr freut sich der ,Lokalarchäologe' über Ansätze gegenläufiger Entwicklungen. Diese gehen wenigstens - so scheint es jedenfalls - zum Teil auf ahnenforschende Ambitionen gebildeter Personen zurück.

Entlang des Wehringhauser Baches befanden sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorwiegend bäuerliche und handwerkliche Betriebe, doch siedelten sich hier im Zuge der Industrialisierung zunehmend kleinere Fabriken, Handelshäuser, Verkehrsunternehmen und infolgedessen auch Mietskasernen und Villen an. Offenbar wurden dabei gewöhnlich zunächst die in Frage kommenden landwirtschaftlichen Flächen abgeziegelt und dann erst bebaut. Auch diese Zuammenhänge sind leider noch unzureichend untersucht.

Im Zuge der Industrialisierung und Verbesserung der Infrastruktur kam es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu Abwanderungen potentieller Arbeiter ländlicher Regionen in das Ruhrgebiet und ins Ausland (Auswanderer), aber auch zu Zuwanderungen aus unterentwickelten Gebieten in die Ennepe-Volme-Lenne-Region, wobei wohl die jeweiligen Verdienstmöglichkeiten ausschlaggebend waren. Die Entwicklung verlief der heutigen dabei nicht ganz unähnlich.

Auf ein Beispiel für Zuwanderungen nach Wehringhausen machte mich Anfang Februar 2009
Maren Meseth aufmerksam; diesem möchte ich - auf Basis diverser eMails - hier nachgehen. Dabei wird der Einfachheit halber auf die bewährte Dialog- bzw. Interview-Form zurückgegriffen. M. Meseth danke ich herzlich für ihre zum Teil sehr persönlich gehaltenen Auskünfte.



Dialog


Meine Eltern sind jetzt 90 Jahre alt [...]. Jetzt haben wir uns gefragt, was wohl aus dem Elternhaus meiner Urgroßeltern geworden ist. Meine Mutter meinte, es sei ein längliches Fachwerkhaus gewesen, das man von der Pelmkestraße aus unten am Hang habe liegen sehen. Etwa in Höhe der Kleingärten.

Zur Zeit kann ich nur soviel sagen, daß das Gelände vorwiegend kleine Häuser (Kotten) aufwies; hierbei springt das von Ihnen angesprochene Gebäude wegen seiner länglichen Form aus dem Rahmen, was auf eine besondere Verwendung hindeuten könnte. Hierbei ist eventuell der Gemeindesteinbruch in der Waldlust und eventuell andere Tage-/Bergbau-, Metallgewinnungs- und Forsttätigkeit am Goldberg oder an der Egge zu berücksichtigen.

Mir ist leider nicht klar, ob Sie die alte Kleingartenanlage unterhalb der Nachtigallenstraße oder die heutige nahe bei der Waldlust meinen. Vor einigen Jahren war zudem auch der Block zwischen Bach-, Dömberg-, Schubert- und Buscheystraße durch Schrebergärten geprägt. Hier wurde sogar geplant, die Hauptstraße über die Anlagen von der Buscheystraße über die Dömbergstraße zur Eugen-Richter-Straße (die frühere "Feldstraße") umzuleiten, um den unübersichtlichen Straßenknick im Übergang von der Buscheystraße zur Eugen-Richter-Straße zu umgehen. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts ging man dann aber dazu über, auch in diesem übrig gebliebenen Gartenland größere Wohnhäuser zu errichten.

Meine Urgroßeltern hießen (Wilhelm?) Wißmann (Wissmann?) und Johanna geb. Kuhlmann. [...] Sie hatten 5 Kinder: Willi, Pauline (war aufgrund einer Hirnhausentzündung später geistig etwas zurückgeblieben), Elfriede, August (mein Opa, geb. 1883) und Johanna. Die Mutter starb, vermutlich im Kindsbett [...]. Der Vater hat später wieder geheiratet, wir wissen aber nicht, wann er dort weggezogen ist. [...] Die Schwester meines Opas muss ein "Satansbraten" gewesen sein und war als "Friede vom ollen Dreisch" bekannt. Nach Ihrer alten Karte
D/NRW/HA/Wehringhausen/1790xxxxx_Wehringhausen_in_der_Wegkarte_von_1790"
zu urteilen, kann meine Mutter mit ihrer Ortsbeschreibung recht haben. Sie meint auch, dass sie mal in dem Haus gewesen ist. Es soll, wie so üblich, Stufen in die einzelnen Zimmer
[gemeint sind erhöhte Türschwellbalken] gehabt haben, sehr niedrige Decken und eine Klappe zum Boden. Sie ist sich aber auch nicht mehr sicher, ob es nicht vielleicht doch nur eine Erinnerung an Erzählungen meines Großvaters ist.

Da die Angaben zur Lage des Hofes ungenau sind, ist eine Identifizierung des Fachwerkhauses schwer. Immerhin ist der Begriff "Oller Dreisch" eindeutig, nämlich innerhalb des Wehringhauser Bachtals etwas unterhalb der Waldlust mit der bachabwärts anschließenden heutigen Schrebergartenanlage zwischen Bach- und Pelmkestraße. Hier lag offenbar westlich des Baches - und wohl auch der Pelmkestraße - der Hof Brenne. Weiter nördlich, also talabwarts, lag der Hof Tacke.

Zwecks besseren Überblicks und Verständnisses des in Frage kommenden Geländes habe ich einen Ausschnitt aus dem Hagener Stadtplan vom Jahr 1888 auf meine Website gepackt:
D/NRW/HA/Wehringhausen/1888xxxx_SW-Karte_HA-Wehringhausen_Detail
Hier sind sowohl das Flurgelände von dem (nach dem Urkatasterplan benannten) Hof Brenne "auf dem alten Dreisch" und des Hofes Tacke "auf den Tackeshöfen" zu ersehen. Zwischen beiden Höfen lag 1888 (und schon zur Zeit des Urkatasters) an der Ostseite der Pelmkestraße - etwas unterhalb des Einganges zur heutigen Kleingartenanlage auf Höhe des zweiten Wohnhauses - ein Haus, welches ich aber nicht als länglich bezeichnen würde.

Auf Ihrem länglichen Foto "Goldberg und Wehringhauser Bachtal" ist links auf der unteren Anhöhe ein längliches Gebäude zu sehen. Könnte es das sein?
Sie meinen wohl diese Abbildung: EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Bachstrasse/193412xx_Goldberg_und_WehringhauserBachtal_von_Johann_Janssen
Im Bereich des Telegraphenmastes vorne links lag ein im Zweiten Weltkrieg wohl durch Bomben zerstörtes Gehöft.
Es handelt sich um einen Kotten mit Obstgarten: EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Bachstrasse/ehemalige_Bachstrasse035 (Abbildung bei Janßen 1979 auf S. 27)
Ilse Oberegge wies unter Angabe einer anderen Hausnummer anscheinend auf den selben Hof hin (am angegebenen Ort, S. 27, zu Bild 3 von Johann Janßen EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Bachstrasse/1940xxxxx_HA-Wehringhausen_Bachstrasse61a_Hof_Kruener_von_Johann_Janssen):
Krüners Kotten lag an der Bachstraße Nr. 61a. Er wurde [...] im Kriege durch Bomben zerstört. Die Aufnahme erfolgte 1940 von der Ecke Dömberg-/Bachstraße aus.
Zum besseren Verständnis der Situation ein von Westen her aufgenommenes Foto der Kreuzung vom März 2009: EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Doembergstrasse/20090301-1225_IMGP2825_Wehringhausen_Doembergstrasse_mit_Kreuzung_Bachstrasse_nach_Osten

Größeres Interesse verdient wohl der Hof Tacke (Tackenhof, Tackeshof). Bei Ilse Oberegge (im Hagener Heimat impuls Nr. 4, S. 27) heißt es zu dem Foto „Bild 1" EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Pelmkestrasse/193005xx_Wehringhausen_Pelmkestrasse_mit_Tackenhof_von_Johann_Janssen von Johann Janßen vom Mai 1930:
Mit der Lokalisierung der Ur-Höfe Wehringhausens hatten sich schon die Mitarbeiter des Stadtteilbuches "Wehringhausen" etwas schwer getan. Einer dieser Höfe, der "Tackenhof", konnte bei seinem Abbruch im Mai 1930 noch fotografiert werden. EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Pelmkestrasse/193005xx_Wehringhausen_Pelmkestrasse_mit_Tackenhof_von_Johann_Janssen_Detail Zwar war der Familienname Tacke schon 300 Jahre dort ausgestorben, doch findet man in den Kirchenbüchern bei Eintragungen der späteren Besitzer immer noch einmal den Zusatz "genannt Tackenhöfer", so daß die Erinnerung daran wachgehalten wurde. Das Foto zeigt links die Pelmkestraße, deren Bäume heute noch stehen, im Hintergrund das Eckhaus Eugen-Richter-Straße 2 und dessen Nebenhaus 4, dann Vorder- und Rückfronten der zwischen Bach- und Pelmkestraße gelegenen Häuser der hier endenden Buscheystraße[...].
Zum Vergleich Fotos des Verfassers vom Mai 2005 EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Pelmkestrasse/20050528_1546_IMAG0054_Pelmkestrasse_von_Doembergstrasse_abwaerts und März 2009 EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Pelmkestrasse/20090301-1224_IMGP2817_Wehringhausen_Pelmkestrasse_von_Doembergstrasse_abwaerts.

Dieses Gebiet gehört freilich nicht mehr zum alten Dreisch, auch nicht die ehemalige Gaststätte "Im ollen Dreisch" (heute Caritas-Begegnungsstätte "Oller Dreisch") an der Südecke der Kreuzung Eugen-Richter-Straße mit der Gutenbergstraße.

In dem von Ilse Oberegge genannten Stadtteil-Buch erwähnt Johann Janßen (S. 27) allerdings einen am Wehringhauser Bach gelegenen Teich, welcher auch im Stadtplan von 1888 dargestellt ist und noch als zugehörig betrachtet werden kann:
Gegenüber dem am Osthang noch vorhandenen Fachwerkhaus Sel(l)bach, jetzt Bachstraße 87 [
EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Bachstrasse/19931225_1013_Bachstrasse87_am_Goldberg
Foto des Verfassers vom Dezember 1993
]
, hatte Gustav Holthaus 1886 an dem bereits vorhandenen Teich der ehemaligen Kornmühle von Winterhoff eine Lohgerberei gebaut.

Diese Lohgerberei war - dem Plan von 1888 zufolge - ein längliches Bauwerk, aber lag im Tal, nicht am Hang. Da von einem länglichen Fachwerkhaus die Rede ist, kommt wohl eher ein anderes Gebäude in Frage, welches ich selbst nicht mehr gekannt habe. Ilse Oberegge schrieb zu Bild 9 EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Bachstrasse/19xxxxxx_HA-Wehringhausen_Haus_nahe_Waldlust_von_Johann_Janssen (am angegebenen Ort, S. 29):
Und unterhalb der "Waldlust", schräg gegenüber am Hange, lag dieses Haus "grad' wie im Märchen". Es wurde wohl in den siebziger Jahren abgerissen.

Das Haus ist offenbar auf im April 1897 und im März 1898 erhältlich gewesenen Ansichtkarten jeweils am linken Bildrand zu erkennen: EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Waldlust/Farblitho-AK_mit_2_Motiven_18970419 EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Waldlust/Farblitho-AK_Waldlust_mit_2_Motiven_18980313

In dem Gebäude, an das meine Mutter sich zu erinnern glaubt, haben Heinrich Wilhelm Wissmann und seine Frau Johanna Kuhlmann gewohnt. Er kam von einem Kolonat in Brockhagen, das heruntergewirtschaftet worden war. Sie stammte von einer Familie in Isselhorst. Beide haben 1878 auch in Isselhorst geheiratet und sind irgendwie dann nach Hagen gekommen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie schon mit den ersten beiden Kindern *1983/1986 [1883/1886] im Ollen Dreisch gewohnt haben. Das Hochzeitsfoto der beiden ist nämlich von einem Fotografen aus Hückeswagen gemacht worden.

Zu Brockhagen und Wissmann habe ich über Google einen interessanten Link gefunden: http://www.godt.de/documents/Dickenhorst/deutsch.htm.

Wissen Sie, ob die Fotografen um 1880 reisten?

Die Photographen reisten wegen der hohen Reisekosten und wegen der häufig verwendeten aufwendigen Dekoration weniger zu Porträt- als eher zu Landschaftsaufnahmen, wobei Zeitungsfotos, Ansichtskarten und Bildbände als wichtige Einnahmequellen erst um 1900 aufkamen. Möglicherweise hielt sich das Hochzeitspaar in Hückeswagen auf, eventuell im Rahmen einer Hochzeitsreise.

Das Foto meiner Urgroßeltern, von dem ich annahm, es sei das Hochzeitsfoto gewesen, muss später entstanden sein. Der Fotograf aus Hückeswagen hat sein Geschäft dort erst 1891 gegründet.

Wenn die Heirat um 1882 erfolgte, wird es sich um ein späteres Foto handeln und die Familie wohl bereits in Hagen wohnhaft gewesen sein.

Mit Sicherheit sind die letzten Kinder ab 1892 dort geboren und Johanna ist 1896 im Allgemeinen Krankenhaus (wahrscheinlich im Kindsbett) gestorben. Es wird auch erzählt, dass sie einen Unfall mit einem Pferdefuhrwerk hatte und eine Gehbehinderung zurückgeblieben war. Wann das war, kann ich z. Z. nicht sagen.

Das Allgemeine Krankenhaus Hagen (AKH) bestand im Jahr 1896 noch nicht; gemeint ist offenbar das von Sanitätsrat Dr. Schaberg geleitete Städtische Krankenhaus in der Elberfelder Straße 63, welches um 1910 dem Stadttheater weichen mußte.

Johann Wilhelm hat [...] wieder geheiratet und ist 1905 oder 1906 (vor der Konfirmation meines Großvaters) gestorben. Wir vermuten, dass er mit der neuen Frau (später eine verheiratete Horn) dann um 1900 weggezogen ist.

Leider taucht der Name "Wissmann" in dem ältesten mir zur Verfügung stehenden Hagener Adreßbuch von 1902 in diesem Bereich nicht (mehr) auf, so daß die Bestimmung des Wohnhauses im ollen Dreisch dadurch nicht möglich ist. Ein Gasstocher namens Wilhelm Wißmann ("Johann Wilhelm"?) wohnte allerdings mit seinem gleichnamigen Sohn, welcher als Hausbursche tätig war ("Willi"?), in der Rembergstraße 64a, wobei dies die einzigen Nachweise des Nachnamens in dem Adreßbuch sind. (Der Nachname "Meseth" ist hier übrigens noch nicht vertreten.)

Wissmann, Rembergstraße 64 a, muss der Haushalt meines Urgroßvaters Heinrich Wilhelm gewesen sein. Nach dem Tod seiner Frau Johanna im November 1896 hat er eine neue Frau geheiratet. Sie hieß bei uns immer nur Oma Horn, da sie nach dem Tod Heinrich Wilhelms (um 1907) einen Horn geheiratet hat. Diese Frau hatte ihre Nichte Klara bei sich. [...] Sie und Willi, Heinrich Wilhelms ältester Sohn, haben geheiratet. Pauline, die ältere Tochter[,] muss zu den mütterlichen Verwandten nach Isselhorst gekommen sein.

Der Familienname "Wissmann" steht in Wehringhausen offenbar in enger Verbindung mit dem Nachnamen "Vedder".

Eine Halbschwester von Johanna Wissmann geb. Kuhlmann war Minna Vedder. Sie war mit Heinrich Vedder verheiratet und beide wohnten in der Minervastraße. Meine Mutter meinte, er sei irgendwie Betriebsleiter bei Proll & Lohmann [eine Werkzeugfabrik in Altenhagen] gewesen und sie haben in einem Haus, das zur Fabrik gehörte, gewohnt. Es muss ein Tor und eine Art Brunnen in dem Vorgarten gegeben haben.

Heinrich und Minna Vedder werden im Hagener Adreßbuch von 1902 ebensowenig erwähnt wie Bewohner dieses Nachnamens in der Minervastraße.

Minna Vedder hieß offiziell Johanna Wilhelmina Vedder geb. Schwarze.

Auch im Adreßbuch vom Jahr 1928 ist weder ein "Heinrich Vedder" noch eine "Minna Vedder" vertreten.

Meine Tante sagt übrigens, dass Vedders in der Rehstraße gewohnt haben und der Nachbar des gesuchten Hauses Griesenbeck hieß.

Der Name "Griesenbeck" ist im Hagener Adreßbuch von 1902 wie der Nachname "Vedder" vorwiegend in der Bachstraße zu finden, und zwar im Haus Nr. 46: der Invalide August, der Telegraphenarbeiter Ernst, der Kommis Rudolf und der Packer Wilhelm; innerhalb Wehringhausens wohnten noch der Zuschläger Julius (Koloniestraße - die heutige Christian-Rohlfs-Straße - 15) und der Tagelöhner Julius (Pelmkestraße 45).

Zu Vedders: Wie das mit den alten Leutchen so ist - es war tatsächlich Richard Vedder, der mit Minna geb. Schwarze verheiratet war. Nun war er auch nicht bei Proll & Lohmann, sondern bei Vogel & Schemmann beschäftigt. Diese Villa, die meine Mutter und meine Tante so beeindruckt hat, muss hinter dem Straßenbahndepot [dessen Lage an der Wehringhauser Straße geht aus dem Hammerschmidt-Plan von 1920 hervor!] links gestanden haben. Das Haus steht nicht mehr.

Das Hagener Adreßbuch von 1902 verzeichnete in der Rehstraße nur einen Packer namens Richard Vedder, und zwar für Hausnummer 16, im Besitz von Vogel und Prein; außer dem Packer Vedder wird unter dieser Adresse nur noch der Ingenieur Bartels genannt, so daß es sich nicht um ein Mehrfamilienhaus gehandelt haben wird. Der Nachname "Vedder" ist zudem innerhalb Wehringhausens vorwiegend in der Bachstraße 48 angesiedelt - also im Nachbarhaus zu Griesenbecks -, und zwar mit dem Hammerschmied August, dem Schmelzer Karl und einem Richard ohne Berufsangabe (welcher wohl identisch oder verwandt mit dem Namensvetter in der Rehstraße ist). Ein Schmelzer namens Emil wohnte in der Langestraße 60, ein Eisenbahn-Telegraphen-Diätar Hermann in der Wehringhauser Straße 48.

War die Rehstraße Nr.16 eine Villa mit einer hohen Mauer, einem herrschaftlichen Tor und einem Springbrunnen im Garten? Vedders wohnten in der ersten Etage. Dort gab es einen Strick, mit dem man von oben hat die Tür unten öffnen können. Vedders hatten mehrere Söhne: Arthur, Fritz, Helmut und ?, der im Krieg gefallen ist [gemäß dem ,Heldenbuch' der Stadt Hagen von 1936, hier S. 241 (Sp. 1) „Musk.[etier] Richard Vedder / Rehstr. 10. / 12. Komp., Inf. Reg. 30. / geb. 12. Okt. 1895 - gef. 27. Sept. 1915, Champagne"], und mehrere Töchter: Else, Klärchen und ? Eine weitere Tochter, Martha, hat sich als Kind verbrüht und ist daran gestorben. Minna Vedder war die (Halb-)Schwester meiner Urgroßmutter Johanna Kuhlmann. Minna Vedder war als erste in Hagen.

Gemäß Adreßbuch 1928/29 konzentrierte sich der Familienname "Vedder" im Jahr 1928 innerhalb Wehringhausens auf die Rehstraße 16 (Handlungsgehilfen Arthur und Fritz, Meister Richard), Grummertstraße 8 (Zuschneiderin Emilie, Klempner Erich, Witwe Marta), Bachstraße 38 (Böttcher Fritz), Langestraße 67 (Obersekretär Hermann), Pelmkestraße 39 (Walzer Karl) und Bismarckstraße 3a (Witwe Katharina). Der Nachname "Griesenbeck" findet sich hier innerhalb Wehringhausens in der Pelmkestraße 75 u. 89, Bachstraße 57, Feldstraße (Eugen-Richter-Straße) 74 und Bismarckstraße 28 - eine Nachbarschaft zwischen Griesenbecks und Vedders ist nicht mehr ersichtlich. Die Hausnummernfolge hatte sich im vergangenen Vierteljahrhundert wohl zumindest in der Bachstraße geändert. Den Stand nach dem Ersten Weltkrieg gibt ein etwas schematisch gestalteter Übersichtplan vom Jahr 1920 wieder: D/NRW/HA/Wehringhausen/1920xxxx_Hagen_Stadtplan_Otto_Hammerschmidt_Detail"

Ich versuche gerade herauszufinden, ob unser Heinrich Wilhelm Wissmann, zuletzt lebend hier in Hagen, der Sohn von jenem Heinrich Wilhelm Wissmann ist, der 1848 im Alter von 23 Jahren den Hof verkauft hat. Es kursierten hier immer so Gerüchte, über die in der Familie aber nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde und für unsere Kinderohren erst recht nicht bestimmt waren, die mit der Geschichte vom Kolonat Wissmann aber gewisse Gemeinsamkeiten haben. Herr Dickenhorst kann die Spur nur bis dorthin verfolgen. Heinrich Wilhelm hat in der Gegend Brockhagen nach 1848 noch Land gekauft, mit dem er aber auch nicht zurecht gekommen ist. Und danach verliert sich jede Spur.

Es finden sich im Adreßbuch von 1928 fünf Personen mit dem Nachnamen "Wißmann": der Eisenbahn-Schaffner August (Schützenstraße 68), die Verkäuferin Elfriede (Kaiserplatz - der heutige Bodelschwinghplatz - 5), Dr. rer. pol. H. G. (Plessenstraße 16), sowie die Verkäuferin Klara und der Dreher Wilhelm (beide Loxbaumstraße 2). Bei der Verkäuferin Elfriede Wißmann handelt es sich möglicherweise um die erwähnte "Friede vom ollen Dreisch" ("Satansbraten"), beim Eisenbahner August wohl um den "Opa", beim Dreher Wilhelm vielleicht um "Willi" bzw. um den im Jahr 1902 erwähnten Hausburschen Wilhelm aus der Rembergstraße.

Der Eisenbahnschaffner August Wissmann, Schützenstraße, ist mein Großvater, die Verkäuferin Elfriede ist seine Schwester, die Friede vom Ollen Dreisch.

Im Adreßbuch von 1928 ist übrigens der Nachname "Meseth" bereits dreimal vertreten, und zwar jeweils unter der Adresse "Elberfelderstr. 71" (S. 329, Sp. 3): der Drogist Hans Oskar, der Vertreter Jakob und der Geh[ilfe] Waldemar.

Jakob war der Großvater meines Mannes. Waldemar war Jakobs ältester Sohn und ist im Krieg geblieben. Hans Oskar war der zweitälteste Sohn, der Gründer von MEHA-Fleischbrühe und muss in den sechziger Jahren verstorben sein. Hier lebt nur noch seine Tochter. Der Eintrag Elberfelder Straße kann sich eigentlich nur auf meinen Schwiegervater Kurt Meseth, Jakobs jüngsten Sohn, beziehen. Der hatte sich meines Wissens nach dort mit einem Garngroßhandel niedergelassen.

In dem Verzeichnis der Hauseigentümer von Wehringhausen vom Jahr 1884 (abgedruckt im "Stadtteil-Buch" Wehringhausen 1979, S. 15 f) tauchen weder die Namen Kuhlmann noch Wissmann auf, wohl aber August Griesenbeck (Bachstraße 46 und Pelmkestraße 46); die Adresse "Bachstraße 48" (später: Vedder) fehlt allerdings. 1902 wird als Hausbesitzer der Pelmkestraße 46 H. Lorenz genannt, welcher offenbar mit dem Invaliden Lorenz aus der Pelmkestraße 45 identisch ist.

Ich habe mir in den letzten Wochen einige Literatur über Wehringhausen aus der Bücherei besorgt und sammle Informationen über den Stadtteil. Im übrigen weiß ich jetzt, dass Heinrich Wilhelm Wissmann 1884/85 definitiv in der Bachstraße 46 gewohnt hat.

In der Bachstraße 46 wohnten anno 1902 außer den Griesenbecks der Werkstatt-Aufseher J. Gode, der Weichensteller G. Windhagen, die Witwe L. Stähler, der Eisendreher A. Metz und der Drahtzieher J. Schaake. Es werden zehn Personen aufgelistet. Das Gebäude wird demnach nicht klein gewesen sein. Vielleicht waren Bachstraße 46 und Pelmkestraße 46 benachbart, wenn August Griesenbeck im Jahr 1884 als Eigentümer beider Häuser genannt wird. Identisch kann die Adresse nicht sein, denn 1902 wohnten in der Pelmkestraße 46 der Arbeiter Desmer, der Wagenführer Dreisbach, die Witwen Kramme, Eumann und Laskowski, sowie der Schlosser Kramme, der Bahnwärter Ruhwedel und Gasstocher Janusch (acht Personen werden genannt).

Meine Mutter meinte übrigens, das Haus muss mindestens die halbe Pelmkestraße hinauf links unten am Berg gelegen haben. Es war auf keinen Fall Eigentum. Sie lebten schon in bescheidenen Verhältnissen. Johanna hatte eine Nähmaschine und konnte nähen. Wir vermuten, dass Heinrich Wilhelm bei Eicken beschäftigt war.

Demnach wird es sich wohl kaum um das märchenhafte Häuschen östlich des Restaurants Waldlust gehandelt haben.

Meine Mutter und meine Tante sind sich einig, dass es ein längliches Fachwerkhaus war, und es war auf keinen Fall ganz unten in der Bachstraße, sondern eher in dem Gebiet unterhalb der Pelmkestraße 75 oder 89.

Sollte mit dem Hang der des Goldberges - und nicht der Osthang der Egge - gemeint sein, so böte sich vielleicht noch das "Wald-Schlößchen" in der Bachstraße gegenüber der Einmündung der Nachtigallenstraße an, welches nach diversen Erweiterungen im 1980er Jahrzehnt abgerissen wurde: EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Bachstrasse/197xxxxx_Wald-Schloesschen (Foto aus dem Stadtteil-Band 1979)

Schließlich glaube ich doch noch fündig geworden zu sein. Eine colorierte Ansichtskarte aus dem 1910er Jahrzehnt - oder etwas später - zeigt den Bereich der Pelmkestraße unterhalb des Eingangs der heutigen Schrebergartenanlage. Am linken Bildrand ist anscheinend der Hof Brenne abgebildet, darunter - auf der anderen Straßenseite - ein dunkel erscheinendes Haus oberhalb eines Neubaus: EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Pelmkestrasse/colorierte_AK_HA-Wehringhausen_Pelmkestrasse_mit_Eugen-Richter-Turm_auf_der_Egge_um_1920_Detail
Oben rechts erkennt man auf der Ansichtskarte den damals noch jungen Eugen-Richter-Turm auf der Egge: EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Pelmkestrasse/colorierte_AK_HA-Wehringhausen_Pelmkestrasse_mit_Eugen-Richter-Turm_auf_der_Egge_um_1920
Zum Vergleich ein Foto des Verfassers vom Februar 2009: EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Pelmkestrasse/20090215-1245_IMGP2686_HA-Wehringhausen_obere_Pelmke-_von_Bachstrasse_aus
Ein Vergleich der aktuellen Aufnahme mit derjenigen auf der colorierten Ansichtskarte zeigt, daß das dunkle Gebäude in etwa zwischen dem beigefarbenen Flachdachhaus und dem dunklen bungalowartigen Niedriggiebelbau stand.

Ich wurde auch bei einer noch älteren Aufnahme fündig. Es handelt sich hierbei um ein um das Jahr 1900 unmittelbar am Wehringhauser Bach erstelltes Foto vermutlich eines an der Waldlust aktiv gewesenen Photographen. Es ist - seine Bedeutung gänzlich verkennend - im Stadtteil-Band (1979, S. 20) leider ziemlich klein wiedergegeben und zudem falsch datiert: EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Pelmkestrasse/Im_alten_Dreisch_vom_Wehringhausener_Bach_aus_nach_Westen_etwa_1900
Die Datierung läßt sich aus dem Stand der Bebauung im Bereich der Häuserblöcke zwischen Borsig-, Henschel-, Feld- (Eugen-Richter-) und Gutenbergstraße erschließen: EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Pelmkestrasse/Wehringhausen_Im_alten_Dreisch_Detail_Etagenhaeuser_etwa_1900
Im oberen linken Bildviertel erscheint schemenhaft das von der colorierten Ansichtskarte her bekannte dunkle Fachwerk- oder Holzhaus - hier umgeben mit einem Obstgarten -, während der Hof Brenne wohl wegen des das Foto einrahmenden Laubbaumes nicht deutlich erkennbar ist: EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Pelmkestrasse/Wehringhausen_Im_alten_Dreisch_Detail_Hofanlage_etwa_1900
Überraschenderweise erscheint das Gelände im unteren linken Bildviertel auffällig gewölbt, was auf einen alten "Sinnerhoop" (Sinterhaufen), also einen Schlackenhügel der mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Eisenerzverhüttung (im Hagener Stadtwald bereits bekannt), hinweisen könnte: EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Pelmkestrasse/Wehringhausen_Im_alten_Dreisch_Detail_Sinterhaufen_etwa_1900
Das Foto wurde an einer Stelle etwa am unteren Eingang (Bachstraße) der heutigen Schrebergartenanlage aufgenommen, wo ich bei meinen Begehungen von Bachlaufverfüllungsmaterial des 1920er Jahrzehnts anläßlich einer Erneuerung des Bach-Kanals (siehe dazu das kleine Video vom Februar 2002)) keine Hinweise auf Rennfeuerschlacken fand. Auch am Bachlauf oberhalb davon wurde ich noch nicht fündig.

Es muss doch früher dort wunderschön gewesen sein mit dem alten Bachlauf und den Teichen. Schade, dass das niemand im Bild festgehalten hat.

Daß es sich um eine herrliche Mittelgebirgslandschaft gehandelt hat, zeigt sich in der Schöpfung mehrerer Ausflugslokale (Waldschlößchen, Waldlust, Schützenheim, Gaststätte am Rupenstück und Forsthaus Deerth) und auch der Gaststätte "Im ollen Dreisch", welche die Erinnerung an die Örtlichkeit wachhält. Auch heute sind die Wälder an der Egge und die Schrebergartenanlage idyllisch, und der Wildpark ist für Kinder ein kleines Paradies! Immerhin halten diverse Ansichtskarten aus den ersten beiden Dritteln des 20. Jahrhunderts die Erinnerung an die Wehringhauser Bachtal-Idylle wach, darunter eine Postkarte aus dem 1920er Jahrzehnt, auf welcher der Teich der Kornmühle bzw. Lohgerberei unterhalb des Waldschlößchens und der Nachtigallenstraße noch zu sehen ist: EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/Egge/192xxxxx_SW-AK_Wehringhausen_von_Eugen-Richter-Turm_19241231 (Ansichtskarte von 1924)

Leider muß ich hier offen lassen, wann das behandelte Wohnhaus der Familie Wissmann verschwand.

(Dieser Artikel wurde im Februar/März 2009 verfaßt.)



Literatur


C.[arl] Hinnerwisch, Hagener Adreß-Buch umfassend den Stadtkreis Hagen i. W. nebst neuestem Uebersichtsplan, 11. Auflage Hagen 1902 [Vorwort vom Januar 1902]

Carl Hinnerwisch (Bearb.), Adreßbuch (Einwohnerbuch - Wohnungsbuch) 1928/29 der Stadt und des Kreises Hagen nebst Stadt Hohenlimburg, Hagen 1928 [Vorwort vom Oktober 1928]

Heldenbuchkommission der Kriegerkameradschaften der Stadt Hagen im Kyffhäuserbund (Hg.), Ehrenbuch für die Opfer des Weltkrieges 1914-1918 der Stadt Hagen i.Westf. [auf dem ,Cover': Heldenbuch. Zu Ehren der im Weltkriege 1914 - 1918 gefallenen Söhne der Stadt Hagen], Hagen 1936

Johann Janßen, Der Wehringhauser Bach, in: Hagener Heimatbund e.V. (Hg.), Wehringhausen. Landschaft - Geschichte - Menschen (Hagen einst und jetzt, Sonderreihe "Die Hagener Stadtbezirke", Band V), Hagen 1979, S. 26 - 28

Ilse Oberegge, Hagen - Wie es einmal war. Texte zu Fotos von Johann Janßen (4) - in: Hagener Heimatbund e.V. (Hg.), Hagener Heimat impuls [= Hagener Heimat-Impuls]. Weiterführung der Schriftenreihe "Hagen - Use laiwe Haime", Heft 4, Hagen 1992 (Juli), S. 26 - 29

EU/D/NRW/HA/Wehringhausen/JuergenZarnke_Wehringhausen_Bilder_und_Dokumente_201011xx
Jürgen Zarnke, WEHRINGHAUSEN. BILDER und DOKUMENTE [so auf dem Deckblatt], Hagen 2010 (November), herausgegeben im Selbstverlag. [Dieser albumärtige Band berücksichtigt die bedeutenderen Straßen Wehringhausens in vorbildlicher Weise!]



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DEN ENGAGIERTEN MITARBEITERN DES STADTARCHIVS HAGEN DANKE ICH FÜR DIE BEREITSTELLUNG SELTENER FOTOS BEI FACEBOOK, WELCHE AUCH MEINE ARBEIT IN VIELEM FÖRDERN!

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