GESUNDHEIT

Erfahrungen mit Kinderheimen zur Genesung, Schulung und Erholung (Elbgrund, Freudenstadt, Schieder, Selbecke, Volmarstein)

von Detlef Rothe aus Hagen in Westfalen

Nordrhein-Westfalen, das ist viel Wehmut[,] und das sind viele enttäuschte Träume [...]."
Markus Brauck, in: Frankfurter Rundschau, Nr. 116 vom 21. Mai 2005, S. 10 - D/H/R/S)


Aus aktuellem Anlaß, nämlich der Häufung von Medienberichten zu Kindesmißhandlungen in deutschen Heimen, habe ich am 11. März 2010 einen Brief an die Freie Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim 2006 (FAG JHH 2006) geschrieben. Vorher habe ich mir die teilweise erschütternden Schilderungen über die Verhältnisse in der früher sogenannten „Krüppelanstalt Volmarstein" EU/D/NRW/EN/Wetter/Volmarstein/Anstalten/SW-AK_Volmarstein_Pflegeanstalten_Ruhrtal-Blick_19300408 (Ansichtskarte aus dem Jahr 1930) angesehen. Dabei kamen in mir Erinnerungen hoch, welche dann das Schreiben bewirkten, welches ich hier wiedergebe, um eventuell weitere Aufklärung zu erfahren.

Sehr geehrter Herr Jacob, liebe Mitglieder der FAG JHH 2006!

Durch die heutige Westfalenpost wurde ich auf Ihre Website aufmerksam, und ich möchte mich herzlich dafür danken, daß Sie das Thema aufgegriffen und so ausführlich dargestellt haben. Es ist mir dabei manches bewußt geworden, was ich mir vorher habe nicht erklären können.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, aus meiner Wahrnehmung Angaben zu machen, welche vielleicht nützlich sind:

Ein Verwandter von mir wurde in der zweiten Hälfte des 1950er Jahrzehnts mit verkürztem Bein und Schäden an Hand und Wirbelsäule in Hagen geboren. Möglicherweise stehen diese Behinderungen im Zusammenhang mit der Contergan-Entwicklung - jedenfalls vermute ich, daß die Mutter dieses oder ein ähnliches Medikament einnahm, kurz bevor (als Versuchsperson?) oder schon zu der Zeit, als Contergan auf dem Markt als Schlafmittel eingeführt wurde. Hier sind allerdings weitere Nachforschungen erforderlich, welche ich zur Zeit nicht leisten kann und welche hier auch nicht unmittelbar von Belang sind.

Als dieser nahe Verwandte im oder um das Jahr 1958 Laufen lernte und dabei immer wieder hinfiel EU/D/NRW/HA/1958xxxx_FK017_Patient_vor_der_OP
[Foto: Wilhelm Rothe (†), Hagen], wurde es seinen Eltern klar, daß er operiert werden mußte, und so kam er nach Volmarstein EU/D/NRW/EN/Wetter/Volmarstein/Anstalten/SW-AK_Volmarstein_Pflegeanstalten_Panorama_wohl_195305xx, in dessen orthopädischer Klinik EU/D/NRW/EN/Wetter/Volmarstein/Anstalten/SW-AK_Volmarstein_Orthopaedische_Klinik_wohl_um_1940_offenbar_vor_194201xx die Korrekturen vorgenommen wurden, soweit dies[e] damals möglich waren. Im Anschluß auf die Behandlung verblieb er auf der Kleinkinderstation, und seine Mutter hat ihn regelmäßig besucht, und zwar wohl häufiger als eigentlich beabsichtigt. Die Gründe dafür bestanden darin, daß ihr Sohn einen umfangreichen Gipsverband trug, sehr viel geschrieen und das Essen strikt verweigert haben soll. Die Schwestern (wobei sie sich an eine erinnerte, welche wohl besonders auffällig war, deren Namen sie auch nannte, den ich aber danach vergessen habe) hätten ihn infolgedessen schlecht behandelt, und sie befürchtete, daß er verhungern würde, wenn sie [.. (Wortdoppler)] sich nicht selbst um seine Ernährung kümmerte. Mit viel Liebe und Geduld - denn der Junge wollte zunächst auch bei ihr nicht essen - habe sie es dann geschafft, ihn zum Öffnen des Mundes und zur Nahrungsaufnahme zu bewegen, so daß es ihm nach und nach besser ging. Als der Gips schließlich abgenommen wurde, stellte sich heraus, daß sich einige Brocken vom Gips gelöst hatten und der Person starke Schmerzen am Rücken bereitet haben müssen (wohl auch beim Essen). Die am stärksten betroffene Stelle habe ich selbst vor einiger Zeit noch wahrgenommen; es handelte sich dabei um eine unregelmäßige Grubenbildung von noch etwa 5 mm Tiefe in Wirbelsäulennähe. Mehr möchte ich dazu im Augenblick nicht sagen. EU/D/NRW/HA/1959xxxx_FK038_Patient_nach_ueberstandener_OP [Foto: Wilhelm Rothe (†), Hagen]

Vielleicht beeinflußt durch die betroffene Person - genau weiß ich es nicht, da ich ja selbst ein kleines Kind war (Jahrgang 1959) - hatte ich schon früh eine Abneigung gegen jede Form von Kinderheimen. Ich wollte auf keinen Fall alleine irgendwo hin zur Kur oder sonstigen Erholung. So mußte mich mein älterer Bruder immer begleiten (siehe dazu im Überblick http://www.5dim.de/html/reisen.html, hier unter Elbgrund, Freudenstadt und Schieder)
[Achtung: jetzt auf diese Seite verschoben!]. Meine Erfahrungen im sogenannten "Eisenbahn-Kurheim", dem Kindererholungsheim bzw. Schloß Schieder (Lippe) der Bundesbahn EU/D/NRW/LIP/Detmold/Schieder/Schloss/SW-AK_Schieder_Schloss_im_Kurgarten_(Eisenbahn-Kinderheim)_19540130 (mein Vater war Lokführer), im April 1965 vertiefte diese Abneigung, wobei hier nach meiner heutigen Einschätzung die Kinderpflegerinnen überfordert waren, da sie mich durch dauerhaften Entzug des Kompotts dafür bestraften, daß ich bei der Morgenpflege verärgert Seife zurückschleuderte, mit der mich Rabauken bombardiert hatten. Der spätere Aufenthalt im Oberlinhaus zu Freudenstadt hat mich dann für frühere Leiden entschädigt.

Schließlich möchte ich noch darauf hinweisen, daß in der Hindenburg-Volksschule in Hagen-Wehringhausen wilde Gerüchte unter den Grundschülern im Umlauf waren, welche Pfarrer im Konfirmandenunterricht prügeln würde
[n] und wer nicht. Ich entschied in Absprache mit meinen Eltern, mich von Pastor Dietrich Polack konfirmieren zu lassen, welcher mit Recht einen sehr guten Ruf genoß, und nahm vorsichtshalber ein Jahr früher am Unterricht teil als vorgesehen, da wir nicht sicher waren, ob er seiner neuen Gemeinde treu blieb. (Vgl. http://www.5dim.de/html/HeimatWehringhausen.html)

Soviel zu meinem
[= meinen] Erfahrungen; über Ihr Interesse würde ich mich freuen. Vielleicht kann ich später noch das eine oder andere Detail hinzufügen; hier ergänze ich als Anlage noch vier Fotos aus meinem "Fundus".

Mit freundlichem Gruß und besten Wünschen für Ihre Aufklärungsarbeit!


Nachträge vom 22. März bis 5. April 2010: Für die Vorverlegung des Konfirmandenunterrichts gab es weitere Gründe, nämlich die Sorge, daß der reguläre Kurs überfüllt sein könnte (geburtenreiche Jahrgänge!), und der Wunsch meiner Mutter, die Konfirmationsfeiern ihrer älteren Söhne wegen des damit verbundenen Aufwandes schon im April 1972 abschließen zu können. (Damals hatte gerade der Umzug von der Eugen-Richter-Straße in die Dömbergstraße stattgefunden, was aber zu Beginn des Unterrichts wohl noch nicht abzusehen war. Ursprünglich wurde sogar überlegt, beide Konfirmationen zusammenzulegen, was sich aber garnicht machen ließ.)
Zum Volmarstein-Aufenthalt des damals etwa zwei Jahre alten, in einem Gipsbett liegenden und Nahrung nicht aufnehmenden Verwandten (man vergleiche dazu den Bericht des sechzigjährigen Leitenden Medizintechnikers ,JB' - andere Quelle: www.derwesten.de) konnte ich von seiner 78jährigen Mutter noch in Erfahrung bringen, daß der medizinisch behandelnde Orthopäde „Doktor Bohne" hieß; er sei schon „älter und etwas tüddelig" gewesen. (Dr. Otto Bohne wurde gemäß den Angaben bei www.klinik-volmarstein.de nach dem Ausscheiden von Dr. Gau am 4. Juli 1947 Chefarzt der bis zum 15. Mai 1964 im Johanna-Helenen-Heim untergebrachten Orthopädie und trat aus gesundheitlichen Gründen am 31. März 1960 in den Ruhestand.) Die Stationsschwester habe - so die Mutter weiter - „Herta" geheißen. (Die Zeugin ist sich bei dem Namen Herta ziemlich sicher, und eine Herta wird auch in den ,Erinnerungen JH' bezeugt.) Diese Schwester Herta habe - so die Mutter weiter - „vier Zimmer unter sich" gehabt, und diese seien in einem „viereckigen Haus" gewesen. (Es handelt sich wahrscheinlich um das im Jahr 1904 gegründete und 1968 geschlossene Johanna-Helenen-Heim. Zu diesem Heim (,JHH') siehe die Grundriß-Zeichnung von Detlef Scharf EU/D/NRW/EN/Wetter/Volmarstein/Anstalten/Johanna-Helenen-Heim/Farbzeichnung_des_Johanna-Helenen-Heims_von_Detlef_Scharf, welche nach einer Darstellung bei www.gewalt-im-jhh.de vergrößert wurde; weitere Darstellungen insbesondere zur Unterbringung der Kinder in den Jahren um 1960 finden Sie auf der selben Website.) Das Gebäude sei zwar auch groß, aber doch deutlich kleiner als die Orthopädische Klinik gewesen (EU/D/NRW/EN/Wetter/Volmarstein/Anstalten/Johanna-Helenen-Heim/JHH-_Foto Foto von Petri auf der Erinnerungen-Seite der FAG JHH 2006; die 1931 entstandene und später erweiterte Orthopädische Klinik diente damals anderen Zwecken, und zwar im Rahmen der Kriegsinvalidenversorgung). Vor dem Haus, welches wohl ziemlich weit vorne stand, habe es eine Grünanlage gegeben; beim Weg abwärts zur Bushaltestelle - bzw. zur Straße nach Vorhalle - habe man die Kinder noch eine Weile schreien gehört. (Zur Lage vergleiche man die Ansicht einer Postkarte vom Jahr 1906: EU/D/NRW/EN/Wetter/Volmarstein/Anstalten/Johanna-Helenen-Heim/SW-AK_Volmarstein_Johanna-Helenen-Heim_19060722.)
Herr Helmut Jacob, dem ich für seine Hinweise auch an dieser Stelle herzlich danken möchte, teilte mir dazu folgende Einzelheiten mit: „Nach meinen Recherchen kann es sich nur um die Schwester Herta Hallenberger handeln, die einige Zeit zunächst im Johanna-Helenen-Heim gearbeitet hat, aber dann hinterher in der Orthopädischen Klinik. Sie erwähnen eine Herta, die unter den Erinnerungen JH zu finden ist. Hier handelt es sich aber um eine körperbehinderte Frau der Frauenstation mit dem Namen Herta Mehnert, die in der Nähstube auf der selben Etage gearbeitet hat, in der auch der Mädchentrakt und der Jungentrakt untergebracht war. Diese Herta Mehnert nahm an den Hausandachten auf ihrer Frauenstation teil und berichtete hier Jahre später, dass sie das Schreien der Kinder während der Hausandacht gehört hat. Soviel an Informationen hierzu. Dass es sich bei der von Ihnen erwähnten Herta um Herta Hallenberger handeln könnte, entnehmen Sie bitte folgendem Link, den ich soeben für Sie gefunden habe."
Ich bin froh, daß hier einerseits Verwechslungen vermieden werden können und andererseits eine Bestätigung dafür vorliegt, daß das Schreien der Kinder auch außerhalb der Station zu hören war. Der angegebene Link, welchem ich bereits die Angaben zu Herrn Dr. Bohne entnommen hatte, ist sicherlich auch von allgemeinen Interesse, da dort auf die positive Wirkung Volmarsteins auf die Gesetzgebung zum Schutz der Körperbehinderten in den frühen Jahren der Bundesrepublik Deutschland hingewiesen wird. (Der „Volmarsteiner Entwurf" wurde - nach Angabe im vorigen Link - am 6.12.1956 vom Deutschen Bundestag als „Körperbehindertengesetz" beschlossen und am 27.2.1957 verkündet.) Für mich zeigt sich nunmehr in fast schon dramatisch zu nennender Weise ein gewisser Gegensatz von Anspruch und Wirklichkeit im Rahmen des Gesetzgebungsprozesses - zugleich aber auch die Notwendigkeit der gesetzlichen Maßnahmen! Die Umsetzung zu Gunsten der Hilfsbedürftigen ließ nach Inkrafttreten anscheinend teilweise lange auf sich warten. Insofern bin ich auch froh, daß sich bei meinem Verwandten letztlich - auch im Hinblick auf eine Fehlbehandlung andernorts im 1970er Jahrzehnt - alles weitgehend zum Guten gewendet hat.
Die Mutter des behinderten Verwandten gewann - das soll hier nicht verschwiegen werden - seinerzeit den Eindruck, daß die Kinder im Johanna-Helenen-Heim das Essen teilweise verlernt hätten. Sie habe ihren Sohn durch Vormachen von In-den-Mund-nehmen und Kauen von Nahrung zum Verzehren von Mahlzeiten bewegen können. Vom Mitbringen von Obst sei ihr von einer Bekannten, welche eine Schwester in dem Heim kannte, abgeraten worden, da es für die Kleinkinder aus Personal- bzw. Zeitnot nicht zubereitet worden wäre, zumal Obst damals (1958/59) nicht billig gewesen sei. Auf die Orthopädischen Heil-, Lehr- und Pflegeanstalten für Körperbehinderte zu Volmarstein sei sie durch einen Herrn Doktor Zahn, welcher in der Bahnhofstraße unter anderem Massagen verschrieb (gemäß dem Adreßbuch Hagen 1968/1969: „Zahn, [...] Willy, Dr., Facharzt, Bahnhofstr. 26" - S. 285, Sp. 3), aufmerksam geworden, dessen Nichte dort in Volmarstein arbeitete. Die Eltern seien gewöhnlich mit dem Zug von Hagen nach Vorhalle gefahren und von dort zu Fuß weiter gegangen; nur gelegentlich hätten sie einen „Shuttlebus" bis Volmarstein genommen, und selbst dann nur für eine Fahrtrichtung, da die Fahrt jeweils „achtzig Pfennig" gekostet habe. Bei den Schwestern wären die Besuche der Eltern nicht so gerne gesehen gewesen; einmal sei sie sogar mit dem Worten „Sie sind ja schon wieder da?" empfangen worden. Letztlich sei sie froh gewesen, als der Junge wieder nach Hause konnte. Der Junge sei auch zwischendurch einmal für drei Wochen zu Hause gewesen, und bei dieser Gelegenheit habe der Vater ein Foto von dem von den Füßen bis zur Taille reichenden, dabei den Intimbereich aussparenden Gipsverband gemacht.
Eine Korrektur bzw. Ergänzung betrifft die angesprochene Gehbehinderung. Nach Darstellung der Mutter konnte der leicht behinderte Junge zunächst normal laufen, habe sich allerdings auffallend häufig hingesetzt. Erst nach einer Operation in Volmarstein - anscheinend im Beckenbereich - sei die Beinverkürzung offensichtlich gewesen, und ein Arzt in Dortmund, welcher hinzugezogen wurde, habe bloß die Hände über den Kopf zusammengeschlagen und gemeint, wie so eine Behandlung nur möglich gewesen sei. Der Junge hat später Schuhe mit unterschiedlich hohen Sohlen und auch Einlagen getragen.

Meines Erachtens bedarf es noch der Klärung, warum der Verwandte überhaupt behindert geboren wurde. Die Eltern heirateten im Februar 1957, als die Mutter schon schwanger war. Vielleicht wurde der Mutter von einem Arzt ein Medikament verordnet, welches noch nicht ganz ausgereift war. Die Ärzte werden auch heute noch von Pharma-Vertretern besucht, welche ihnen neue Medikamente empfehlen und eventuell deren Vermittlung an Patienten vergüten. Ich selbst habe einmal Herzmedikamente (Generika) kostenlos von einem Hausarzt erhalten, mit den Worten, ihn gelegentlich über etwaige Nebenwirkungen zu berichten, welche dann in einem Fall (größere weiße Tabletten eines Fabrikats mit dem Wirkstoff Ramipril) auch in Form von Tinnitus (Ohrensausen) auftraten - immerhin harmlos im Vergleich zu dem, was in den Jahren um 1960 mit dem Schlafmittel Thalidomid passiert ist. (Thalidomid (a-Phthalimidoglutarimid) ist gemäß Wikipedia-Enzyklopädie ein Arzneistoff, welcher im Wesentlichen vom Oktober 1957 bis November 1961 als Schlaf- und Beruhigungsmittel unter den Markennamen Contergan® und Softenon® verkauft wurde und zu mehreren Tausend schweren Schädigungen an ungeborenem Leben und damit zum Contergan-Skandal führte.) Man kann eigentlich nicht vorsichtig genug sein! Die Mutter des behindert geborenen Kindes kann sich allerdings nicht entsinnen, in der in Frage kommenden Zeit (zweiter Schwangerschaftsmonat), ein Schlafmittel genommen zu haben. Allerdings sei ihr einmal durch den Hausarzt Doktor Augspach (gemäß dem Adreßbuch Hagen 1968/1969: „Augspach, [...] Werner, Dr., Arzt, Thomasstr. 17" - S. 7, Sp. 3) Valium empfohlen worden, was sie abgelehnt habe, obgleich es in unterschiedlichen Dosierungen verfügbar gewesen wäre. Wenn ihr Thalidomid verabreicht worden sein sollte, dann ohne Information.
Es ist bekannt (siehe Wikipedia-Enzyklopädie), daß in mindestens einem Fall durch einen Mitarbeiter der Hersteller-Firma Chemie Grünenthal GmbH Contergan® einer schwangeren Frau vor der Markteinführung verabreicht wurde und daher der erste Contergan-Fall vor dem Oktober 1957 auftrat (das betreffende Kind wurde ohne Ohren geboren - zwischen dem 34. und 38. Tag nach der letzten Regelblutung kommt es nämlich bei einer Thalidomid-Einnahme zu einem Fehlen der Ohrmuschel). Sollte die Behinderung meines Verwandten tatsächlich gleichfalls durch Thalidomid bewirkt worden sein (zwischen dem 48. und 50. Tag nach der letzten Regelblutung führt Thalidomid zu Daumenfehlbildungen - vgl. die Graphik von www.contergan-karlsruhe.de), dann wäre es wiederum sehr bedauerlich, daß ein Zusammenhang zwischen der angenommenen Medikamenteneinnahme während der frühen Schwangerschaft und der entstandenen Behinderung unerkannt blieb. Contergan® kam etwa zwei Monate nach der Geburt des Jungen auf den Markt - der Verkauf hätte sich also vielleicht auch in Deutschland verhindern lassen. Stattdessen wurde es sogar gezielt gegen die typische morgendliche Übelkeit in der frühen Schwangerschaftsphase eingesetzt.

Im Gesamtzusammenhang ist zu beachten, daß die sogenannte wilde Euthanasie des Dritten Reiches nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Bereich der Behindertenheime und Krankenhäuser in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland nicht annähernd ausreichend historisch und juristisch aufgearbeitet wurde, so daß - anders als bei den Gestapo-Gefängnissen und Konzentrationslagern - eine gewisse Nachkriegstradition bei Ärzten und Pflegekräften angenommen werden kann, da bei ihnen ein ausgeprägtes Schuldbewußtsein nicht gezielt entwickelt wurde (vermutlich wegen Personalmangel). Wie es auch heute noch denkbar wäre, hat möglicherweise auch Angst vor Arbeitsplatz-Verlust, vor Repressalien oder gar Regressforderungen das Vertuschen von Mißständen gefördert.

EU/D/NRW/HA/1959xxxx_FA012_Patient_freut_sich_ueber_ein_Bruederchen
Der Patient (wohl anläßlich seines Geburtstags auf Heimurlaub) freut sich im provisorischen Bett über ein Brüderchen - Foto: Wilhelm Rothe (†), Hagen.



Zusammenfassung der Heimaufenthalte unter Berücksichtigung eines Tagebuch-Eintrags vom 1. Januar 1976 (Band B, S. 24):

1964(?): Hagen-Selbecke (Westfalen) - Stadtranderholung
1965: April (? - eher früher, jedenfalls bei Schneewetter): Schieder (Westfalen) - Kur; Juli: Freudenstadt - Kur
1970: Juni: Waldmannshausen (Elbgrund am Taunus) - Schullandheim
1974: April: Waldmannshausen (Elbgrund am Taunus) - Schullandheim



BADEN-WÜRTTEMBERG

Freudenstadt

EU/D/BW/FDS/D_BW_FDS_Freudenstadt_im_Schwarzwald_Poststempel_19670723
Poststempel-Werbung des Schwarzwald-Höhenluftkurortes 1965/67

EU/D/BW/FDS/Freudenstadt/Farb-AK_D_BW_FDS_Freudenstadt_Luftbild_19650322 Aus einer im Oberlinhaus Freudenstadt im März 1965 geschriebenen Postkarte von einem Mädchen namens Brigitte Kauer, genannt Gitti: „Es gefällt mir hi[e]r gut. Wir machen viele Spaziergänge und Wanderungen."

EU/D/BW/FDS/Freudenstadt/Oberlinhaus/SW-AK_D_BW_FDS_Freudenstadt_Oberlinhaus_19670723 Aus einer im Oberlinhaus Freudenstadt im Juli 1967 geschriebenen Postkarte von einem Mädchen, welches sich Waldi nannte: „Das Haus auf der Karte ist das Heim. Wir haben leider hier keine anderen Karten, wir wollen aber bald mal in die Stadt gehen [...]." (Ein Muster dieser Ansichtskarte ist schon für den 29. Juni 1959 belegt.)

EU/D/BW/FDS/Freudenstadt/Oberlinhaus/SW-AK_Freudenstadt_Kinderheim_Oberlinhaus_etwa_um_1965 Luftbild der Gegend um das Oberlinhaus wohl um 1965

Eigener Tagebucheintrag vom 1. Januar 1976 (Band B, S. 8 f.):
Dann war ich im Sommer 1965 zur Kur, in Freudenstadt, als Christof geboren wurde. Von Anfang Juli bis in die zweite Monatshälfte hinein. Ich dachte damals daran, daß Christof an meinem Geburtstag geboren werden könnte. Meine erste Frage nach meiner Rückkehr lautete, wann Christof denn nun geboren sei. Als ich vernahm, daß er [...] früher als ich seinen Geburtstag hatte, war ich beinahe enttäuscht. [...] | [...] Ich versuchte zunächst einen Kuraufenthalt in Freudenstadt hierher [= in das Jahr 1966] zu verlegen, weil ich mich noch so gut an Spaziergänge erinnern kann. Wir, die Kinder, mußten Heidelbeeren sammeln, dabei konnten wir die schweren Dampfloks, die hier eine Steigung hinaufschnauften, bestaunen. [...] An einem regnerischen Tag hatte ich auch Gelegenheit, in einer Waldlichtung einen dreifachen Regenbogen zu bestaunen."

Mein älterer Bruder erinnert sich (im März 2010) noch daran, daß den Kindern in den Sommerschulferien im Heim zum Frühstück ein Eierbecher voll Honig kredenzt wurde; geschlafen wurde offenbar in einem großen Saal im Dachgeschoß.
Die Erlebnisse an der Schwarzwalddampfeisenbahn haben bei den beiden älteren Lokführerssöhnen schon früh Interesse an der ,großen' Eisenbahn Mitteleuropas geweckt.

EU/D/BW/Schwarzwaldbahn/gemalte_Hasemann-AK_Schwarzwaldbahn_Triberg_1908 EU/D/BW/Schwarzwaldbahn/colorierte_AK_Schwarzwaldbahn_Triberg_1909
Schwarzwaldbahn bei Triberg 1908/09


Annäherung an den Kurort - eine Ansichtskartenfolge aus den Jahren um 1955/1960:
EU/D/BW/FDS/Freudenstadt/SW-AK_D_BW_FDS_Freudenstadt_Panorama_um_1955_1 EU/D/BW/FDS/Freudenstadt/SW-AK_D_BW_FDS_Freudenstadt_Panorama_um_1955_2 EU/D/BW/FDS/Freudenstadt/SW-AK_D_BW_FDS_Freudenstadt_vom_Murgtal_aus_um_1955 EU/D/BW/FDS/Freudenstadt/SW-AK_D_BW_FDS_Freudenstadt_vom_Murgtal_aus_19650804 EU/D/BW/FDS/Freudenstadt/SW-AK_D_BW_FDS_Freudenstadt_Panorama_um_1955_3

EU/D/BW/FDS/Freudenstadt/colorierte_AK_Freudenstadt_Panorama_1914
Zum Vergleich eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1914 mit einer etwas anderen Panorama-Perspektive.

Das Stadtzentrum mit Marktplatz und Parkanlage etwa um 1960:
EU/D/BW/FDS/Freudenstadt/SW-AK_D_BW_FDS_Freudenstadt_Marktplatz_um_1960_1 EU/D/BW/FDS/Freudenstadt/Marktplatz/SW-AK_D_BW_FDS_Freudenstadt_Marktplatz_um_1960_2

Zweifelt noch jemand daran, daß für mich die Welt nach dem Kuraufenthalt in Freudenstadt wieder in Ordnung war?



HESSEN


Kr. Limburg-Weilburg (Lahn)


Elbgrund

EU/D/HS/LM/Elbgrund/Waldmannshausen/colorierte_AK_D_HS_LM_Elbgrund_Schullandheim_Waldmannshausen_Schloss_19640519 Auf der colorierten Ansichtskarte des Schloßgebäudes vom Schullandheim Burg Waldmannshausen vom 19. Mai 1964 schrieb Edgar Bangert: „Müssen leider schon um 21°° Uhr im Bett sein."

EU/D/HS/LM/Elbgrund/Waldmannshausen/SW-AK_D_HS_LM_Elbgrund_Schullandheim_Waldmannshausen_Burg_Frontseite_19330509 Auf einer am 9. Mai 1938 (letzte Ziffer unsicher) abgestempelten Ansichtskarte des Burggebäudes hieß es: „Wunderschön ist es hier. Aber schickt mir bitte sofort 2 Rockendreher (Holz) [und] etwas Geld (3 RM), wir fahren nämlich nach Frankfurt. [...] U. irgendwelche festen Schuhe fürs Feld." (Nach Frankfurt am Main ging es auch bei meinem ersten Aufenthalt anno 1970, nicht aber - wie es die Fama wollte - zum Rheinfall nach Schaffhausen.)

EU/D/HS/LM/Elbgrund/Waldmannshausen/SW-AK_D_HS_LM_Elbgrund_Schullandheim_Waldmannshausen_Burg_Frontseite_19620720Heidi und Gisela" meinten auf einer anderen Ansichtskarte vom 20. Juli 1962 (vgl. die AK v. 1.5.1933): „Hier ist es wunderschön. Wir wohnen auf der Burg, die das Bild zeigt."

Aus einer Postkarte meiner Mutter anläßlich meines Schreibens zum Aufenthalt im Schullandheim Burg Waldmannshausen im Juni 1970:
„Wir freuen uns, daß Ihr eine gute Fahrt hattet und es Euch gut gefällt. [...] Rheinfall schreibt man mit h, auch wenn es für Dich ein Reinfall ist[,] und Sport ist doch gesund - es wird schon noch für Dich schöne Stunden geben."


Zu einem Vorfall anläßlich meines letzten Aufenthalts (welcher mich etwas an Georg Büchners Woyzeck - „Der ist ins Wasser gefallen..." - und an Tarzans Abenteuer erinnert) hatte ich einen Beitrag in der Festschrift vom Jahr 1986 verfaßt (S. 32):

Das Bad im Erlbach

Zweimal war ich schon dort, diesmal wollte ich mich austoben, denn hier konnte mich niemand zum Lernen bringen. Allenfalls hatten die paar Mittelstüfler ein paar Unterstüfler zu beaufsichtigen. Wir machten ein großes Geländespiel, bauten eine ,Brücke' und eine kleine Seilbahn über den Erlbach. Dabei wurde ein dickes Seil von Baum zu Baum über den Bach gespannt, daran wurde eine Rolle mit notdürftigem Sitz gehängt. Ein Sicherheitsgurt schützte vor dem Abrutschen. Es klappte vorzüglich. Das Angurten dauerte aber vielen zu lange. Die Stärksten hängten sich an die Rolle und fuhren ans andere Ufer. Währenddessen konnte sich ein anderer den abgenommenen Sitz anschnallen. Nach einer Weile glaubte ich, es auch einmal versuchen zu müssen. Ich hängte mich an das Seil, das von der Rolle herabhing und stieß mich ab. Plantsch!

Da lag ich bis zur Schulter im Bach. Ich hatte nicht an die Wunde an meiner linken Hand gedacht, die ich mir beim Brückenbau geholt hatte... Jener Schrei, der mir bei der Berührung der kalten Fluten anläßlich meines jähen Falles entkam, rief eine allgemeine Heiterkeit hervor, die wohl nur diejenigen unter uns nachzuempfinden vermögen, welche damals anwesend waren. Ich fühlte mich als Schwächling verlacht, was mich umso mehr wurmte, wo ich als ,Tutor' doch ein gewisses Vorbild sein sollte. Später tröstete man mich damit, ich hätte mich just in dem Augenblick auf den Weg gemacht, als man das Seil neu straffen wollte...
"

Der Artikel basierte übrigens auf einem Tagebuch-Eintrag.


Das mittlerweile gut ein halbes Jahrtausend alte Burggebäude wurde jüngst renoviert und mit einem ,Fluchtturm' versehen; zum 75jährigen Bestehen des Schullandheims soll im Herbst 2010 ein ,Tag der offenen Tür' stattfinden. Nähere Angaben finden Sie auf der Website des Landheimvereins. (Quelle: Westfalenpost Nr. 75 vom 30. März 2010, Lokalteil Hagen, S. PHA_2)



NORDRHEIN-WESTFALEN


Detmold (Landkreis)


Schieder

EU/D/NRW/LIP/Detmold/Schieder/SW-AK_Schieder_Luftbild-Panorama_mit_Schloss_vorne_links_19570613 Das Luftbildpanorama einer im Jahr 1957 verwendeten Ansichtskarte zeigt das Schloß Schieder mit seinen Wirtschaftsbauten in der linken unteren Bildecke.

Tagebucheintrag vom 1. Januar 1976 (Band B, S. 8):
„Ich erinnere mich [...] an vieles [...]. Zum Beispiel an meine Kur in Schida [sic!], an die ich mich allerdings ungern erinnere, da ich dort schlecht behandelt wurde. Meine Mutter [...] sagte, daß es im April 1965 war."
Nach meiner Erinnerung fand der Aufenthalt im Eisenbahnerholungsheim Schloß Schieder EU/D/NRW/LIP/Detmold/Schieder/Schloss/SSW-AK_D_NRW_Schieder_Schloss_im_Kurgarten_(Eisenbahn-Kurheim)_19570208 (Ansichtskarte vom Februar 1957) im Winter bei genügend Schnee zum Schlittenfahren statt. Zu meinen Empfindungen damals (Enttäuschung) vergleiche den oben wiedergegebenen Brief. Mein Bruder konnte damals nicht mitfahren, da er die erste Klasse der Hindenburg-Volksschule in Hagen-Wehringhausen besuchte.



Hagen (Stadtkreis)

Selbecke

Meine Erinnerungen hieran sind weitgehend verblaßt. Es handelt sich anscheinend um den ersten Heimaufenthalt, wo ich - gemäß meinen aktuellen Vorstellungen - die Bekanntschaft mit Götterspeise und Muckefuck machte.
Auszug aus Tagebuch B, S. 8, Eintrag vom 6.2.1976: „Ich war auch mit Klaus zusammen längere Zeit in einem Erholungsheim im Hagener Raum [...]. Ich war damals noch im Kindergartenalter [...] - ich erinnere mich noch an den ,Wackelpudding', ein rosafarbenes, glasiges Zeug, daß [= welches] nach irgendetwas Erfrischendes [sic!] schmeckte, und an einen riesigen, gut belichteten Schlafsaal."
Zur schönen Umgebung des Selbecke-Tals siehe meinen Artikel über eine Wanderung von Zurstraße nach Selbecke anno 1975. Auszug aus Tagebuch A mit Film V. Das Kinderheim ist schon einige Zeit geschlossen und wurde im Frühjahr 2010 abgerissen. Ein Mosaik soll vor der Kinderklinik des Allgemeinen Krankenhauses Hagen wiederaufgerichtet werden und hält vielleicht die Erinnerung an die alte Erholungsstätte wach (Stand: April 2010).



Links

Elbgrund-Waldmannshausen


Landheimverein Burg Waldmannshausen




Freudenstadt


Oberlinhaus Freudenstadt



Hagen-Selbecke


Adresse bei www.smile-kids.de

Adresse bei www.hagen.de

BSH (Holding) GmbH & Co. KG (Träger - am 1.4.2010 ohne Hinweis)



Schieder


Schloß und Schloßpark Schieder bei schlosspark.schieder-live.de

Schloß Schieder bei www.lippe-in-nrw.de

Schloß Schieder bei www.schlossterrassen-schieder.de

Schloß Schieder bei www.wirtschaftsinitiative-schieder-schwalenberg.de (mit Foto-Galerie)



Volmarstein


Die Evangelische Stiftung Volmarstein

Geschichte der Orthopädischen Klinik zu Volmarstein bei www.klinik-volmarstein.de

Bericht des sechzigjährigen Leitenden Medizintechnikers ,JB' in www.derwesten.de

Freie Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim 2006 (FAG JHH 2006)



Thalidomid


kommentierte Linksammlung

zusammenfassender Artikel von Carsten Timmermann

Karlsruher Conterganverband e.V.



Literatur


Volmarstein


E. Kalle, Orthopädische Heil-, Lehr- und Pflegeanstalten für Körperbehinderte, Volmarstein (Ruhr), in: Gerhard Stalling AG - Wirtschaftsverlag (Hg.), Der Ennepe-Ruhr-Kreis. Landschaft - Geschichte - Kultur - Wirtschaft - Verwaltung, Oldenburg (Oldb) 1965, S. 67 - 69. [Pastor Ernst Kalle war der Leiter der Orthopädischen Anstalten Volmarstein von 1956 bis 1967.]

Hans-Walter Schmuhl u. Ulrike Winkler, Gewalt in der Körperbehindertenhilfe. Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967 (Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, Band 18), Bielefeld 2010 (März) - ISBN 978-3-89534-838-9.
Buchvorstellung bei www.gewalt-im-jhh.de - Buchbesprechung von Dierk Schäfer



Waldmannshausen


Adolf-Krüper-Schullandheimverein Waldmannshausen e.V. (Hg.), 500 Jahre Burg Waldmannshausen, Hagen 1986 (28. September)



Behindertenpolitik in Deutschland


Elsbeth Bösl, Politiken der Normalisierung: Zur Geschichte der Behindertenpolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Bielefeld 2009 (1. Aufl.) - ISBN 978-3-8376-1267-7.



Der Arzneimittelwirkstoff ,Thalidomid'


Beate Kirk, Der Contergan-Fall, eine unvermeidbare Arzneimittelkatastrophe? Zur Geschichte des Arzneistoffs Thalidomid, Stuttgart 1999 - ISBN 3-8047-1681-4.

Ludwig Zichner, Michael A. Rauschmann, Klaus-Dieter Thomann (Hgg.): Die Contergankatastrophe - Eine Bilanz nach 40 Jahren. Darmstadt 2005 - ISBN 3-7985-1479-8.







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20100505 15:46